Nebenwirkungen einer Beziehung

Das S-Wort


Lieber Gott, danke, dass ich mir meine Freunde selber aussuchen darf – meine Familie hast du mir gegeben …

Schreibt man über Beziehungen, kommt man um das Thema „Schwiegereltern“ schwer herum: Wenn der oder die Liebste das Medikament gegen Herzeleid ist, dann sind Schwiegereltern die Begleiterscheinungen oder Nebenwirkungen – je nachdem.

Die meisten von uns, die schon ihre bessere Hälfte gefunden haben, lernen früher oder später auch deren Familie kennen; eine spannende Angelegenheit und manchmal eine, die man nicht so schnell wieder vergisst ... Dass sich meine Liebste und meine Mutter in jener Oktobernacht kennen lernten, war nicht geplant. Mein Schatz hatte mich per Auto vor das Haus meiner Familie gebracht und just als wir dabei waren, uns innig voneinander zu verabschieden, klopfte jemand an das Fenster. Der Schreck stand meiner Süßen ins Gesicht geschrieben (später hat sie mir erzählt, sie hätte vor ihrem geistigen Auge meinen Vater mit der Schrotflinte im Anschlag gesehen). Doch da erschien plötzlich meine Mutter am Fenster und meinte: „Oh, Entschuldigung, ich wollte nicht stören. Wollt ihr nicht reinkommen und was trinken?“
Mittlerweile hat sich meine Freundin davon überzeugen können, dass mein Vater ihr gegenüber freundlich gesinnt ist: Beim gemeinsamen Espresso werden die Vorzüge des Alfa 156 besprochen und darüber philosophiert, ob der neue Brera designmäßig mit seinen Ahnen mithalten kann.

Für gewöhnlich sind Eltern realistisch und rechnen damit, dass ihr Kind mal jemanden kennen lernt. In meinem schwullesbischen Freundes- und Bekanntenkreis haben sich, wie ich beobachten konnte, drei mögliche Strategien herausgebildet, um der eigenen Familie dieses Faktum näher bringen zu können:

Die nette Methode: „Ich habe eine Freundin. Wir sind sehr glücklich miteinander und ich würde euch gern einander vorstellen. Passt euch nächste Woche?“
~ Ist anzuwenden, wenn du schon geoutet bist. Dient der Information und lässt den Altvorderen Zeit zum Nachdenken, falls erforderlich.

Die radikale Methode: „Mama, Papa – ich bin schwul und das hier ist mein Freund.“
~ Dieser Satz schlägt zwei Fliegen mit einer Klappe, wenn du bei deiner Familie das Coming-out noch nicht hattest. (Diese Methode habe ich bei ehemaligen Schulkolleginnen von mir angewendet. Es empfiehlt sich, eine Kamera zur Dokumentation der ungläubigen Gesichter mitzunehmen *g*)

Die Verneinungsmethode: a) „Nein, ich führe keine Beziehung!“ oder b) „Nein, ich habe keinen Freund/keine Freundin!“
~ Anzuwenden, wenn du noch nicht geoutet bist. In beiden Fällen wird über die Gründe nachgedacht und da Eltern nicht auf den Kopf gefallen sind, kommen sie irgendwann selber drauf. Zu a) „Ich glaube schon, dass du in einer Beziehung lebst, bloß anders, als ich mir das gedacht habe.“ Und die Reaktion auf b) „Natürlich hast du keine Freundin, wenn du Männer magst …“

Je nachdem wie die Eltern der besseren Hälfte mit der Lebensweise ihres Kindes umgehen, so ist auch das Verhältnis zu Freund bzw. Freundin. Von absoluter Ignoranz bis zum gemeinsamen Familienfest ist alles drin. Das Verhalten meiner Schwiegermutter mir gegenüber war in der Anfangszeit von höflicher Distanz geprägt – leben und leben lassen. Zu Ostern überreichte mir mein Schatz einen Schokohasen und ein gefärbtes Ei. „Die schickt dir meine Mutter. Und frohe Ostern soll ich dir auch ausrichten!“

Also nicht verzweifeln. Entweder ändern sich Einstellungen – oder Schwiegereltern.


Text: Christa Pail






Schwiegermuttersessel






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