Vorzüge eines Wühltisches:

Somewhere under the Rainbow


„Du schaust aber gar net so aus!“ – „Nein?“ – „Na, echt nicht…hätt’ mir das ehrlich gesagt nicht von dir gedacht... Ich find’s aber cool, dass du dazu stehst.“ – „Danke, schön, so was zu hören!“ – „Hm, bitte sehr…darf ich dich was fragen?“ – „Ja sicher, frag nur.“ – „Was gefällt dir denn an den Jungs nicht?“

Soweit die Reaktion, die der Satz „Ich bin lesbisch“ bei meinem alten Schulkollegen M. ausgelöst hat. Die Antwort auf seine Frage konnte ich ihm nicht in der Form geben, die er erhofft hatte. Ein „Sie sind alle Arschlöcher“ oder „Keiner kommt meinem Idealbild nahe genug“ bekam er von mir nicht zu hören. Stattdessen sah ich M. wirklich perplex dreinschauen, als ich mit einer Gegenfrage antwortete: „Nun ja, was gefällt dir an ihnen nicht?“ Während er versuchte, seine Gesichtsfarbe von tiefrot auf normal zu kriegen, orderte ich mein drittes Bier, strickte die Ärmel meines Holzfällerhemdes auf, strich mir durch die streichholzkurzen roten Haare und gab der Kellnerin einen Klaps auf den wohlgeformten Hintern, als sie mir das Bier brachte…

Nein, das ist nicht wirklich passiert. Ich besitze kein Holzfällerhemd. Meine Haare sind alles andere als streichholzkurz, die Sache mit der Kellnerin wäre sexuelle Belästigung und drei Bier auf einmal sind einfach nicht mein Fall. Aber ja, ich stehe trotzdem auf Frauen. Auch, wenn ich nicht so aussehe, wie M. sich die typische Lesbe vorstellt. Mittlerweile – all das passierte vor zwei Jahren – sieht er die Sache noch lockerer. Er findet es toll, mit mir über Frauen reden zu können und hat auch seine Vorstellungen bezüglich Äußerlichkeiten relativiert. Die Präferenz zum eigenen Geschlecht kann man nicht an der Haarlänge messen, das hat er eingesehen. So wenig wie es den typischen Hetero-Mann gibt, gibt es die typische Lesbe. Meine gute Freundin J. (hetero) ist aus ihren flachen Turnschuhen nicht rauszukriegen, während meineeine Schuhe nach der Devise „Je höher, desto lieber“ kauft. Make-up? Gerne.

Wieso aber existieren jene Klischees, die noch immer in den Köpfen vieler Menschen herumspuken? Zum einen, weil es nun eben Frauen gibt, die eher maskulin wirken und Frauen lieben. Oder deshalb, weil man damals, als es noch nicht gestattet war, öffentlich homo zu sein, Gleichgesinnte bzw. –orientierte an gewissen „Codes“ erkannte. Das waren die schon genannten kurzen Haare, männliche Kleidung, Rauchen und das Trinken von Alkohol. Heutzutage ist es kein Problem mehr, wenn Sex (das biologische Geschlecht) und Gender (soziales Geschlecht) voneinander abweichen. Auch Heteromädels rauchen, tragen Hosen und geben sich die Kante, wenn sie Lust dazu haben. Zum anderen leben die Klischees auch deshalb noch, weil mensch gerne in Kategorien denkt. Und Schubladisieren ist so herrlich einfach… Es ist oft leichter, eine Lesbe als frustriertes Mannweib zu sehen, die noch auf den Richtigen wartet als eine Horizonterweiterung zu wagen und im Zuge dessen zu erkennen, dass es auf der Welt nicht nur Schwarz und Weiß gibt, sondern alle Farben des Regenbogens. ;-) Für manche ist ein penibel aufgeräumter Schrank das Nonplusultra, bis sie die Vorzüge eines Wühltisches kennen lernen. Manches Krimskrams ist für die dafür vorgesehene Lade zu groß. Oder die Farbe passt nicht zum Rest der Sachen. Verdammt, was also tun mit der hübsch aufgebauten Ordnung?? Tja, da ist guter Rat teuer, wenn der Manager schwul ist, die vierfache Mutter mit ihrer neuen Freundin im Park Händchen hält, die Studienkollegin, die ausschaut wie ein Junge, nun doch einen Freund hat und der Florist hetero ist.

Ach ja, M. hat damals auf meine Gegenfrage geantwortet. Ich hätt’s nicht besser ausdrücken können. „Also, es ist einfach nicht meins. Keine Ahnung, wieso. Ich find’ die Mädels hübscher, beispielsweise. Außerdem würde ich mir komisch vorkommen mit einem Mann, es wäre etwas, was ich gegen meine innere Stimme tun würde. Und was hätte es für einen Sinn, wenn ich mir selbst was aufzwingen würde?“


Text: Christa Pail