Zum Tuntenball 2006
Von nun an ging's bergab


Nach dem Tuntenball 2005 dachten wir, die Kinderkrankheiten dieser Veranstaltung würden langsam überwunden und die Organisation sei professioneller geworden. Wie man sich täuschen kann – alles was im Vorjahr gut geklappt hat, war offenbar Zufall. Der Tuntenball funktioniert einzig und allein deshalb noch einigermaßen, weil die Idee eines solchen Balls an sich recht genial ist – durch die schlechte Organisation bleibt dann nicht mehr viel mehr als ein halbwegs netter Abend. Schade.

Sag mir, wo die Tunten sind

Das offensichtlichste zu Beginn: Wo bitteschön waren die Tunten? Beschämend wenige Fummel und auch sonst nur mäßig kreative Kostüme … was jetzt keinesfalls die großartige Leistung der wenigen schmälern soll! Naja, kann ja sein, dass nur uns rüpelhafte, rempelnde Heten auf die Nerven gehen.1)
Aber wer kann’s den Tunten schon verdenken, dass sie sich von dem uncharmanten, altbackenen und biederen Motto „Ein Bild von einem Mann“ in Kombination mit dem grauenhaften Design des Plakates abschrecken ließen. Ist ja nur gut, dass die VeranstalterInnen an allen Ecken und Enden sparen und die Plakate diesmal besonders klein ausgefallen sind. Ach ja: Statt Eintrittskarten gab’s heuer minderwertige Flyer. Recht unvorsichtig in Zeiten, in denen selbst der gemeine Pöbel Farbkopierer bedienen kann.

Geiz ist geil

Überhaupt scheint eine gewisse – sagen wir mal – Sparsamkeit oberstes Gebot der VeranstalterInnen gewesen zu sein. Vom Preisanstieg bei den Eintrittskarten reden wir ja gar nicht, denn: was wird schon billiger … Allerdings finden wir es schäbig, dass man die wenigen tapferen Tunten dann noch bestraft, indem man den Preis für die Miss Tuntenball gleich mal um schlappe 60 Prozent kürzt. Und, bei aller Liebe: so teuer können die „Star“gäste nicht gewesen sein: Die „Stardust Babies“ fanden wir zwar wider Erwaten recht gut und sie sorgten auch für wirklich tolle Stimmung. Den Countertenor Rudolf Brunnhuber ließ man, wie in den Jahren zuvor schon Beniese Bennet und Margareta Klobucar im Stefaniensaal ins offene Messer laufen: allesamt KünstlerInnen, deren durchwegs gute Darbietungen völlig ungeeignet für den großen Ballsaal sind, die Stimmung dort zerstören und auf ein dementsprechend wenig enthusiastisches Publikum treffen. Hätte man den Auftritt in einen der kleinen Säle verlegt, wäre er möglicherweise recht erfolgreich gewesen. Wobei Brunnhuber sich bei der Auswahl seiner Stücke schon auch gehörig vergriffen hat; einzig „Ich will, dass es das alles gibt“ war dem Anlass entsprechend.
Einer der besten Entertainer des Abends, Alexander Desmond, kam den VeranstalterInnen mit einer Gage von € 0,00 wieder mal entschieden zu billig. Selbiges gilt übrigens für den kongenialen Moderator der Tuntenball-Selection, Georg Falk.
Vielleicht schafft man es in Zukunft auch, den SanitäterInnen und KünstlerInnen die eine oder andere Flasche Sodawasser zur Verfügung zu stellen. Unfassbar!

Wenn das alles ist

Die Polonaise fanden wir dynamisch (wiewohl wir auch sehr viele kritische Stimmen vernommen haben) mit einigen nicht ganz nachvollziehbaren Elementen. Wenn Sie, verehrte LeserInnen, zu spät gekommen sind, um sich selbst ein Bild davon zu machen: Nein, es war nicht Ihre Schuld – Sie konnten schließlich nicht wissen, wann die einzelnen Programmpunkte stattfinden würden. War ja auf der Tuntenball-Homepage nicht herauszufinden.
Die Moderation des Theaters im Bahnhof: unpassend, uninspiriert und langweilig. Die Franz Schober Big Band: durchschnittliche, schlecht tanzbare Musik, dargebracht von Menschen, die ihre Kleidung scheinbar auf dem Müll gefunden haben. Der Valentino-Saal war recht spärlich besucht, was nicht Wunder nimmt, schließlich gab es de facto drei Disco-Bereiche und ein bisschen Videoprojektion ist noch kein Konzept.
Die Blumendeko von „flowerpower“ war heuer ausgesprochen gut gelungen und viel präsenter als im Vorjahr.
Für die gewohnt miese Gastronomie im Congress sind ausnahmsweise nicht die VeranstalterInnen verantwortlich - dennoch immer wieder ein ganz besonderes Ärgernis.

Zur Miss Tuntenball-Wahl gibt es folgendes zu sagen:
Fast alle Kandidatinnen konnten sich im Vergleich zur Selection deutlich steigern und lieferten tolle Shows. Die wunderschöne Velma Kelly hat mit „All That Jazz“ verdientermaßen gewonnen und auch der Ehrenpreis der Jury für die vom Pech verfolgte Celine (hoffentlich haben wir bei den Namen jetzt nichts verwechselt) wurde zu Recht vergeben. Wir vermissten schmerzlich Bernadettes Auftritt, der wohl die Hitze und die fehlenden Erfrischungen (siehe oben) zum Verhängnis geworden sind.
Was neben den erfreulichen Darbietungen der Kandidatinnen (die gemeinsame Nummer aller Kandidatinnen war übrigens eine sehr seltsame Auswahl) und Herbert Wippels höchst amüsantem Klasnic-Outfit im Gedächtnis bleiben sollte, ist der Ratschlag der scheidenden Miss Tuntenball: „Steht zu eurem Gewicht und euren Falten, ich tu’s auch!“

Einfalt statt Vielfalt

Noch eine Information, die wir unseren LeserInnen nicht vorenthalten möchten: Die Vertreterin des einzigen Vereins ausschließlich für (lesbische) Frauen in Graz wurde in letzter Minute ohne Begründung von den VeranstalterInnen wieder aus der Jury ausgeladen. Vielfalt ist halt jederfraus Sache nicht.

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1) Nachtrag: Wir entschuldigen uns bei den vielen, vielen, vielen heterosexuellen GästInnen des Balls mit tadellosen Umgangsformen. Gemeint sind ausschließlich jene, die sich so überhaupt nicht zu benehmen wissen. Und so wenige waren das dann leider auch nicht ...

Text: Michael Langer






Folgender LeserInnenbrief erreichte uns per E-Mail:

Der heurige war mein erster Tuntenball und ich möchte kurz meine Eindrücke schildern.

Ich fand die Stimmung bei der Polonaise super, es jubelten alle.
Die Polonaisetänzerinnen fanden keine wirklich plausible Erklärung dafür, warum es nicht möglich war, nach ihrem Auftritt in die Backstage-Garderobe zu können, um dort ihre Sachen (Wechselkleidung, Schminke, ...) zu lassen und bei Bedarf etwas zu holen. Sie bekamen den Auftrag, nach ihrem Auftritt die Garderobe zu räumen (angeblich zu wenig Platz, was aber überhaupt nicht stimmte). Dazu hätte man aber Ausweise anfertigen müssen, die die Berechtigung, hinter die Bühne zu kommen, erlaubt hätten.
Die arme Tanzlehrerin: sie erfuhr angeblich erst relativ spät von ihrem Glück, dass es sich um eine Eröffnung des Balles handelte und nicht um eine Mitternachtseinlage!

Insgesamt fiel mir auf, dass der Tuntenball teilweise einem schlechten Maskenball gleichkam: einerseits wurde einem zwar nicht fad, da es Vieles zu sehen gab, andererseits wurde sehr oft der Grenzwert der Geschmacklosigkeit (bei mir zumindest) überschritten. Was ich vor allem total mies fand, war die Stimmung bei der Wahl zu Miss Tuntenball! Die beiden Figuren auf der Bühne versuchten witzig zu sein, sicherlich kein leichtes Unterfangen, schafften es aber kaum. Was ich noch schlimmer fand: es war null Stimmung; das Publikum war hilflos alleingelassen worden, die Missen noch um 200 % mehr! Eine Misswahl ohne Auftrittsapplaus! Beim schlechtesten Ball habe ich noch nicht erlebt, dass eine Miss nach der anderen weder mit einem kräftigen Applaus auf noch von der Bühne begleitet wird. Es gibt wohl nichts Schlimmeres, als als Darstellerin auf die Bühne zu müssen um ihr Bestes zu geben, und: Keine/r applaudiert!!!! Furchtbar!

Musikalisch jedenfalls einwandfrei war die Big Band, die Kostümierung der Musiker allerdings grauenhaft (Ausnahme: SängerIn)

Im Großen und Ganzen fand ich den Ball nicht schlecht, (mein erster, wie gesagt), aber um ihn auf ein gutes Niveau zu bringen, sollte doch etwas mehr dahinterstecken. (Auch die Jury bei der Wahl war ein Kasperltheater! Hätte wenigstens professionell aussehen können, wenn sie wenigstens einen Zettel und Stift in der Hand gehalten hätten, um Notizen zu machen, und dann kurz beraten hätten ... ist aber nur eine Anregung!

(Name der Redaktion bekannt)