| Gott mecht alles abhieten, was noch a Glück is!
Rede zur Lage der Szene-Nation
In absehbarer Zeit wird sich in der Grazer Szene unter anderem bedingt durch das Aus für Gundls 1st act und die Neupositionierung von Harrys ehemaligem BARcelona sowie durch das absehbare Ende von zumindest einer der so genannten Discos wohl einiges verändern. Manch eineR wird sich naturgemäß dazu berufen fühlen, vermeintliche Marktlücken zu füllen.
Deshalb heute von uns stellvertretend für alle leidgeprüften SzenegängerInnen und jene die es mangels erfreulicher Angebote nicht sind ein eindringlicher Appell:
Liebe Menschen, die ihr euch mit dem Gedanken tragt, ein neues Lokal zur Bereicherung der Grazer Szenelandschaft zu eröffnen stellt euch folgende Fragen:
- Habe ich ein innovatives Konzept? Oder zumindest: Habe ich überhaupt ein Konzept? (Kleine Hilfestellung: „Sex sells“ oder „Geld verdienen“ sind keine Konzepte.)
- Habe ich überprüft, ob für das, was ich anbieten möchte, Bedarf besteht?
- Weiß ich, wer meine Zielgruppe sein soll?
- Habe ich für Teilbereiche (Gestaltung (denn wer SEWA/IKEA-Zeugs sehen will, geht zum SEWA/IKEA oder in sein Wohnzimmer aber ganz sicher nicht in eine Schwulenbar), Werbung und Pressearbeit, Musik,...) selbst genug Erfahrung, bzw. habe ich ExpertInnen für diese Dinge?
- Habe ich eine größere Summe Geldes?
- Bin ich bereit, diese beachtliche Summe in mein Projekt zu investieren?
- Habe ich Erfahrung in der Gastronomie? (Schon mal gekellnert zu haben, reicht nicht! Ständig/gelegentlich in irgendwelchen Beisln zu sitzen und dabei immer besser zu wissen, wie diese anders geführt werden sollten, reicht erst recht nicht!)
- Habe ich wirklich genug Kapital?
- Bin ich bereit, jeglichem Grind bedingungslos abzuschwören?
- Bin ich lieb, nett und beliebt und/oder habe ich liebe, nette und beliebte MitarbeiterInnen oder Angestellte, die an meiner statt das Lokal repräsentieren?
(Weitere Fragen möge die geneigte LeserInnenschaft in unserem Forum posten.)
Solltet ihr jetzt auch nur bei einer Frage gezögert haben, sie mit „Ja“ zu beantworten:
Verschont uns doch bitte vor noch einem verwechselbaren Lokal, das alle ansprechen will und doch niemanden erreicht und erspart euch eine bittere Erfahrung, den finanziellen Ruin und die schlechte Nachrede. Es gibt auch schöne Berufe im Einzelhandel!
Noch ist nicht abzusehen, ob so etwas wie die schwule Szene mittelfristig weiter existieren wird und das meinen wir jetzt durchaus global und nicht auf einzelne Kaffs beschränkt. Der gesellschaftliche Wandel und die rasante Entwicklung neuer Kommunikationsmedien lassen jedenfalls keine Zweifel daran, dass eine notwendige Bedingung dafür ein radikales Umdenken bei jenen Gastronomen ist, die ihr Geld auch weiterhin in dieser Sparte zu verdienen gedenken.
Eine Regenbogenfahne vor irgendein baufälliges, versifftes Lokal zu hängen, reicht Göttin sei Dank schon längst nicht mehr.
Ach ja: Eine Neueröffnung gab’s an diesem Wochenende auch in Graz. In diesem Zusammenhang nur eine Bitte an die Kollegen vom angeblich „erfolgreichsten Online-Magazin der Gay-Community in Österreich“: Zwischen „freiem Eintritt“ und 3 Euro liegen ungefähr 40 Schilling. Eure LeserInnen wären euch dankbar für etwas journalistische Sorgfalt.
Sonst gibt’s zum neuen Lokal nichts zu sagen, was nicht im obigen Artikel schon erschöpfend behandelt worden wäre.
Text: Michael Langer
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