Gastspiel des Marinsky-Theaters:

Die Russen erobern Graz

Graz. Das Gesamtgastspiel des Marinsky-Theaters aus St. Petersburg nähert sich nach neun ausgezeichnet besuchten Vorstellungen seinem glanzvollen Finale: Am Freitag (21. Februar 2003) steht noch einmal der eigens für Graz neuinszenierte Doppelabend mit Domenico Cimarosas La Cleopatra und Igor Strawinskys Oedipus Rex auf dem Programm, das Wochenende wird von Peter Iljitsch Tschaikowski beherrscht, am Samstag wird Mazeppa zur Aufführung gebracht und am Sonntag Pique Dame.

Als die eigentlichen Stars sind für mich der wunderbar singende Chor und das nicht nur unter seinem Chefdirigenten Valery Gergiev, sondern auch unter Boris Grusin und dem jungen Michail Agrest prachtvoll aufspielende Orchester zu bezeichnen, das die Musik seiner Landsleute einfach im Blut hat und ebenso differenziert wie klanglich effektvoll die Partituren auszukosten weiß.

La Cleopatra

Starregisseur Jonathan Miller konnte für die Neuinszenierung von La Cleopatra gewonnen werden, er setzte das nicht ganz zu Unrecht in Vergessenheit geratene Werk mit einem ironischen Augenzwinkern und attraktiven Balletteinlagen (1. Bild v.l.) in Szene; die herausragende sängerische Leistung des Abends (19. Februar) bot als zwischen Liebe und Pflichterfüllung schwankender Antonio die in Graz bereits bestens bekannte junge Mezzosopranistin Ekaterina Sementschuk, die auch in den drei Märzvorstellungen (4., 7., 22.3.) von Jules Massenets Werther die Charlotte (2. Bild v.l.) verkörpern wird.

Oedipus Rex

Mit gespannter Aufmerksamkeit verfolgte das Publikum - souverän von Klaus Maria Brandauer (3. Bild v.l.) als Sprecher durch das Stück geleitet - dann Oedipus Rex; hier gelang Miller ein großer Wurf, die zwischen Statik und Bewegung perfekt ausbalanzierte Führung der Solisten und vor allem des Chores beeindruckte zutiefst. Michail Agrest hielt das Orchester zu klangfarbenprächtigem Spiel an, in der Titelrolle überzeugte Oleg Balaschow mit strahlenden Tenor und intensiver Darstellung.

Pique Dame

Tschaikowskis Pique Dame ist hierzulande durch Aufführungen in Graz und Wien bestens bekannt und erwies sich daher als der Publikumsmagnet. Auch Alexander Galibins Inszenierung zeichnet sich durch eine sehr differenzierte Personenführung (ausgezeichnet in Gesang und Spiel wiederum der Chor) und interessantes Lichtdesign aus; Chefdirigent Valery Gergiev brachte die Oper ungekürzt zur Aufführung und animierte sein Orchester unermüdlich zu einem wahren Rausch an Klangfarben und Schattierungen. Sängerisch das Ensemble auf hohem Niveau, trotz einer kleinen Indisposition am 14. Februar. sehr intensiv als unglücklicher, dem Spiel verfallener Hermann Viktor Lutsiuk (4. Bild); als Fürst Jeletzky ließ Alexander Gergalow seinen lyrischen Bariton strömen, und in der kleinen Rolle des Surin machte der junge Bassist Michail Petrenko auf sich aufmerksam. Marianna Tarassova hat sich dem Grazer Publikum bereits als stilsichere und stimmschöne Carmen vorgestellt und konnte nun als Gräfin überzeugen.

Mazeppa

Stilistisch ganz anders als Pique Dame präsentiert sich Mazeppa mit den großen Volksszenen (wunderbar auch hier der Chor, vor allem in der Hinrichtungsszene, 5. Bild) und positioniert sich somit in der Nähe von Mussorgskis Boris Godunow. Die ebenfalls ungekürzte und daher dramaturgisch besonders schlüssige Aufführung in farbenprächtigen Kostümen wurde temperamentvoll von Boris Grusin (18. Februar) dirigiert. Aus der Sängerriege ragten der lyrisch-heldische Tenor Viktor Lutsiuk als Andrej und Nikolaj Putilin als Titelheld mit mächtigem, klangschönem und nie ermüdendem, in allen Lagen gleichmäßig durchgebildetem Bariton hervor; mit in der Wahnsinnsszene besonders gelungenem Spiel und auch in der Höhe wunderbar abgerundetem Sopran konnte die junge Sopranistin Tatiana Pawlowskaja einen großen persönlichen Erfolg für sich verbuchen.

gundl.at-Kulturredation: Wolfgang Würdinger

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