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Alternative Lebensformen-Regenbogenfamilien
von Birgit Bernhardt

Das klassische Familiensystem Mutter-Vater-Kind, als Keimzelle unserer Gesellschaft gehandelt, hat sich im Laufe der letzten Jahre radikal geändert. Neue Konstellationen, denen Namen wie Patchworkfamilie oder Regenbogenfamilie gegeben werden, sind immer häufiger, wenn auch nicht gerade offiziell.

Die Regenbogenfamilie - hier steht ein bunter, schillernder Name für die Tatsache, dass viele Lesben und Schwule Eltern sind. Schätzungen zufolge hat jede dritte Lesbe und jeder fünfte Schwule ein oder mehrere Kinder (Fredrerick W.Bozett, in : Journal of Homosexuality, Volume 18,Nos _,1989 S 138).

Prozentsätze über Homosexuellenraten sind äußerst schwierig zu geben, seriöse Studien gibt es nicht. Das scheitert schon daran, dass man unterscheiden muss zwischen Episoden, homoerotischen Erfahrungen, stabilen Beziehungen und Lebensformen. Wir sollten uns eines bewusst sein, die Welt ist offenkundig vielgestaltet und weit bunter als wir annehmen. Welche erotischen Präferenzen der oder die Einzelne pflegt, sollte doch wohl nicht Thema in einem liberalen Staat, unter liberalen Menschen sein.

In Großstädten leben anteilsmäßig mehr Schwule und Lesben als in ländlichen Gegenden, weil die Anonymität, die eine Stadt bietet, auch das Zurechtkommen mit der gelebten Realität einfacher macht.

Das Bild von Homosexualität als etwas Ekelerregendes, Krankes, Gestörtes und Unanständiges sitzt bei vielen Menschen noch sehr tief. Wir leisten uns doch tatsächlich das Zusammenwerfen von Liebe und Sexualität. Aber Beziehung ist nicht auf Sexualität zu reduzieren. Was Schwulen und Lesben im Alltag bleibt ist so Unverständnis und Vorurteile. Aus Angst vor Diskriminierung und einem Außenseiterstatus geben sich die meisten nicht zu erkennen, müssen also dadurch einen wichtigen Teil ihres Lebens, ihrer Sehnsucht, ihres Begehrens, ihrer Liebe verschweigen und verbergen.

Die meisten Lesben, die mit ihren Kindern leben, haben diese aus früheren heterosexuellen Beziehungen oder Ehen. Ihre gefühlsmäßige Orientierung haben sie zumeist jahrelang verschwiegen, unterdrückt, oder in einer Art Doppelleben gelebt oder sie haben sich erst nach einer heterosexuellen Lebensphase für die Liebe zu Frauen entschieden.

Eine andere Möglichkeit ist die künstliche Insemination mit Spendersamen, eine Prozedur mit meist hormoneller Vorbehandlung und einer Erfolgsquote von rund 60 % . In Österreich ist es aber so, dass diese Art der Befruchtung nur möglich ist, wenn eine nachgewiesene (wie immer das überprüft werden kann) Partnerschaft bestehen muss. Ob das eine ausschließlich heterosexuelle Beziehung sein soll, war trotz Recherche nicht klar zu erfragen.

Es ist bei Lesben und Schwulen so, dass die meisten lesbischen Mütter hauptverantwortlich für ihre Kinder sorgen, während die Kinder von schwulen Vätern bei Trennungen meist bei den (heterosexuellen) Müttern bleiben.

Weitere Möglichkeiten wie Homos ihren Kinderwunsch erfüllen können, sind da zum Beispiel Pflegeelternschaft, Adoption und Co-Elternschaft.

In Österreich besteht grundsätzlich die Möglichkeit, dass neben verheirateten und unverheirateten Paaren auch Einzelpersonen eine Pflegeplatzbewilligung erhalten. In der Praxis sieht es bisher jedoch so aus, dass sehr selten Einzelpersonen eine incognito-Adoption durchgeführt haben. (Bei einer incognito-Adoption gibt es keine persönliche Bekanntschaft zwischen biologischer Mutter und Adiptiveltern.) Eine offene Adoption bietet aber ganz andere Voraussetzungen, denn die leibliche Mutter kennt hier die Adoptivmutter und /oder -vater und kann bei Gericht den Adoptionsantrag einreichen. Das Gericht wird dann zur Begutachtung des Antrages das zuständige Jugendamt einladen, eine Prüfung durchzuführen, ob die Adoption zum Wohle und im Sinne des Kindes ist. Wie empfehlenswert es ist, sich gleich als schwul oder lesbisch zu outen, kann ich eigentlich so nicht beantworten, denn da SozialarbeiterInnen und PflegschaftsrichterInnen immer im Sinne und zum Wohl des Kindes entscheiden müssen, ist es ihre Ermessenssache, ob Homosexualität ein Minderungsgrund ist oder nicht.

Ulrike Herpich-Behrens, Stadträtin für Schule, Jugend und Sport in Berlin-Schöneberg meint zur Pflegeelternschaft, dass Kinder immer Erwachsene brauchen, die sie lieben, die für sie sorgen, in Berlin sind das manchmal auch schwule und lesbische Pflegeeltern. Mitte der 80-er Jahre waren die Berliner damit wohl die Ersten. Natürlich gab es im Jugendamt auch Diskussionen und Vorbehalte, ob nicht ein Kind zum Aufwachsen beide Geschlechter bräuchte. Doch das hat sich durch Informationen und positive Erfahrungen inzwischen geändert. Dasselbe gilt für Adoptionen, nur Pfarrer und Ordensschwestern können dem Gesetz nach kein Kind adoptieren. In Dänemark gibt es seit 1989 die eingetragene Lebenspartnerschaft für gleichgeschlechtliche Paare und seit 1.1.2000 die Möglichkeit, das Kind eines gleichgeschlechtlichen Partners/gleichgeschlechtlichen Partnerin zu adoptieren, im heterosexuellen Bereich als Stiefelternadoption bekannt. Mit der Einstellung „unsere Kinder sollen dieselben Rechte haben wie andere Kinder“, war es für die dänischen Politiker schwer zu vertreten, dass Kinder verschieden behandelt werden sollen.

Co-Elternschaft als Kinderwunscherfüllung und als Bezugsperson Verantwortung für ein oder mehrere Kinder zu übernehmen, ist eine weitere Möglichkeit. Das kann das Kind der Partnerin/des Partners aus einer heterosexuellen Beziehung sein, oder aber ein Kind, das in ihre Beziehung hineingeboren wurde. Co-Elternschaft ist ein weiter Begriff und gilt auch für das Kind einer Freundin oder eines Freundes, abhängig von der Intensität des Kontaktes mit dem Kind, mit dem zusammengelebt wird oder das in regelmäßigen Abständen getroffen wird. Die Rolle von Co-Elternschaft ist laut Uli Streib, einer deutschen Soziologin und Buchautorin, nicht definiert und nirgendwo festgelegt.

Für Lesben und Schwule kann ein unerfüllter Kinderwunsch wie für kinderlose Heterosexuelle eine starke psychische Belastung darstellen und sie brauchen möglicherweise ebenso psychologische Unterstützung wie unerwünscht kinderlose heterosexuelle Frauen und Männer.

Bei meinen Recherchen und Interviews war zu Anfang gerade an schwule Männer oft meine Frage nach dem Grund des Kinderwunsches eine der Ersten. Die Antworten unterschieden sich nicht von denen heterosexueller Männer, und waren Ideale wie Werte mitgeben, Schutz und Sicherheiten vermitteln, Zeit geben, etwas von sich in der Welt hinterlassen.....

Ich glaube aber, dass Schwule sich dem Thema Vater werden‘ in einem unvergleichbar höheren Prozentsatz intensiver und bewusster gestellt haben, wobei die Zahl derer, die einen konkreten Kinderwunsch haben, sehr niedrig ist - wahrscheinlich auch, weil es wenige stabile gleichgeschlechtliche Partnerschaften gibt und die zwischenmenschlichen Kräfte auf Grund der herrschenden Vorurteile für anderes benötigt werden.

Die Familienaufgabenverteilung bei Heteros ist klar, wir sind zwar äußerlich und oberflächlich in einer äußerst bewegten Diskussion, die Anzahl der Väter im Karenz findet sich nur mit der Lupe, die Kindererziehung, Familiengründung etc. ist ein frauenbezogenes Thema. Wir befinden uns in einem Sozialisierungsprozess, der zäh wie lang gekauter Kaugummi ist, dessen Abschluss wir sicher nicht mehr erleben werden und die vielen tausend Jahre Entwicklung der Rollenbilder sind tief in uns, schnaufend weiterhin auf Wanderzug, der sich aber noch unterhalb der Baumgrenze befindet und weit vom Gipfel entfernt ist. So stellt sich berechtigterweise die Frage: Ja brauchen denn Kinder zumindest einen sozialen Vater und eine soziale Mutter?

Untersuchungen zeigen, dass sich Kinder in Zwei Mütter- oder Zwei-Väterfamilien nicht anders entwickeln als Kinder heterosexueller Eltern. Selbst im Geschlechtsrollenverhalten, der Entwicklung ihrer sexuellen Orientierung und der sozialen Integration unterscheiden sich die Kinder nicht voneinander. Co-Mütter stellen fest, dass sie für die Kinder eine andere Rolle spielen als die leiblichen Mütter, ohne jedoch dabei eine klassische Vaterrolle einzunehmen.

Die Familie ist nach wie vor der einzig richtige Ort, an dem Kinder gestärkt durch Geborgenheit, Liebe, Vertrauen und Unterstützung aufwachsen können. Wie definieren wir aber was Familie ist ? Es kommt weder auf die Wahl der Lebensform an - sondern wohl nur darauf, ob das Wohl des Kindes in den Vordergrund gerückt wird, ob die Verantwortung, die ein Kind mit sich bringt, getragen wird.

„Familie ist, wo Kinder sind“, dieser Aussage der deutschen Bundesregierung schließe ich mich an und wünsche uns allen mehr Toleranz, Offenheit, Liberalismus ...in unserer bunten Welt.

Ich danke den Autorinnen und dem Autor der anschließenden Berichte für ihre Bereitschaft diese zu schreiben.

Allfällige Reaktionen oder Kontaktwünsche können über mich weitergeleitet werden.
e-mail: ekiz.graz@utanet.at oder bernhardt.b@utanet.at



Literatur:

Filmtipp:

„...Trotzdem wie`ne Familie, 1994 • Format BeatSP / VHS • Von Bridget Irene Pastor • Almaweg 2 • D-70794 Filderstadt • mail@pandaprods.depastor@dffb.de