Bens Nachtleben:

RoSy: This is Hardcore
Pornobart und Gummipuppe

(Graz, 23.6.2007). Also ihr habt euch ja schon durch hunderte dieser Szenekritiken gequält, die aufgebaut sind auf dem Prinzip dort war was, der hat Lärm gemacht und es als Musik verkauft, es war alles toll, danke für die Karten.

Interessiert das irgendwen? Irgendwen? Eigentlich glaub ich nicht. Drum will ich versuchen, euch mal etwas Neues zu bieten, ohne das „literarische Werk“ von Ulrichs kleinem Szenetagebuch zu untergraben. Das ist also meine Antwort auf „normale“ Szenekritiken:

Also ja. RoSy hat sich mit „This is Hardcore“ in den Sommer verabschiedet in einer Postgarage die mit einer Unzahl von Rosen mit abgeschnittenen Köpfen (á la Morticia Addams) geschmückt war. Zu den Rosen kamen noch goldene Gummipuppen (und ich rede von der Deko und nicht den Gästen) und, weil sich irgendwer bei der Deko nicht bremsen konnte, wurden am Main Floor auf überdimensionale Plastik-Diaphragmas besonders abstoßende schwule Pornos projiziert.

Gleich am Eingang traf ich einen Bekannten (nennen wir ihn Norbert). Na ja, sagen wir mal, dass wir Bekannte sind um meiner werten Leserschaft die Details meines Liebeslebens zu ersparen ... Er war früher LKW-Fahrer und hat’s jetzt zum Finanzberater geschafft. Ist euch schon einmal aufgefallen, dass heutzutage einfach JEDER Finanzberater werden kann? Und dann vertraut man ihm seine Finanzen an und betet jeden Tag, dass er sie nicht in den Sand setzt. Genauso gut könnte man auf die Straße gehen und einen Wildfremden bitten, Aktien für einen zu kaufen. Per Zufallsprinzip. Aber egal. Wo war ich? Ich hab also Norbert getroffen und musste mir von ihm die Zunge in den Hals stecken lassen. Nicht dass mich das besonders stört, aber wenn er wissen wollte, ob ich meine Mandeln noch habe, hätte er fragen können. Mal abgesehen davon ist sein Freund, seit er von der Art unserer „Bekanntschaft“ weiß, nicht gut auf mich zu sprechen und (lasst ihn uns Herbert nennen) Herbert stand daneben und zupfte vorsichtig an Norberts Ärmel während dieser meinen Rachenraum so genau erkundete wie es sonst nur mein HNO Arzt tut. Norbert entschuldigte sich bei seinem Freund und entschwand.

Ich überwand also meine erste Abscheu und kämpfte mich durch das Publikum welches offenbar das Motto als Anlass genommen hatte, alle nur erdenklichen Geschmacklosigkeiten die verhaltenskreative (und vermutlich blinde) Designer als Kleidung bezeichnen an sich zu drapieren. Vom Leder-Harness bis zum ärmellosen Kettenhemd (Ja, Kettenhemd. Sind wir in einer schwulen Albtraumvision des Mittelalters? Oder hatte da wer Angst/Hoffnung gepfählt zu werden?) war alles vertreten, so dass ich all jenen dankbar war, die ein Hemd und Jeans anhatten. Gut, das zur Schau Stellen von Vorzügen die man nicht hat liegt dem RoSy-Publikum schon seit jeher im Blut, aber so weit wird’s dann doch selten getrieben. Ich kämpfte mich durch die von DJ Anderson und DJane Ina D. angefeuerten, feiernden Massen durch den House Floor, erfreut darüber, dass diesmal echt musikalische Züge und Rhythmen zu erkennen waren in der Boom-Chicka-Wah-Wah-Musik und betrat den Disco Floor. Dort legte DJ Alex Wagner auf, der auch den Gästen am Life-Ball schon eingeheizt hat und der, obwohl er innerhalb von zehn Minuten zweimal Michael Jacksons Billy Jean hören ließ, eine sehr tanzbare Musikauswahl spielte. Nur die Auswahl an alten Pornos und von N3 aufgenommenen Musikvideos, die in einer Endlosschleife hinter ihm liefen, war eher seltsam ... Sie passten weder zum Rhytmus noch zum Stil der Musik, waren optisch nicht ansprechend und nur eine Live-Übertragung der Wetten Dass Show aus Malle hätte störender wirken können.

Rückwärts gehend stolperte ich aus dem Raum und wandte mich an die Bar am Main Floor wo, ein junger Mann mit auf die Stirn geklebtem Porno-Bart (ich will das mal gar nicht kommentieren) mir einen Aperol-Spritzer ausschenkte. Schon fast wäre der Abend verloren gewesen als plötzlich ein attraktiver blonder Mann im weißen T-Shirt vor mir stand, mich zum Tanzen aufforderte (ich wusste ja gar nicht dass man das heute noch macht!?!) und mich dann, wie ein perfekter Gentleman, heimbrachte.

Gerade wacht er hinter mir auf. Ich werde mich jetzt wohl um ihn kümmern müssen. Was soll ich also sagen? Robert und Sylvia haben ein weiteres super Fest auf die Beine gestellt auf dem sich sowohl die gut als auch die schlecht angezogenen Gäste wirklich amüsiert haben. Sogar ich, der ich vermutlich kritischer bin als die meisten, fand’s nicht so abscheulich wie andere Feiern die jetzt nicht genannt werden sollen. Man kann sich also nur darauf freuen wenn’s im Herbst weitergeht.


Text: Ben Folly



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