Schauspielhaus Graz:

Franzobel: Hirschen
Beeindruckendes Denkmal den Widerständigen


(Graz, 30.11.2006). Nach den Eisenerz-Protokollen in der Saison 2005/06 bringt das Schauspielhaus dieses Jahr mit Franzobels „Hirschen“ erneut ein Stück über das Ende des Zweiten Weltkrieges in Österreich auf die Bühne. Doch wo die Eisenerz-Protokolle auf bedrückende Art und Weise beschrieben wie aus einfachen Menschen plötzlich Mörder werden können, beschäftigt sich „Hirschen“ mit einem ganz anderen Aspekt: Den FreiheitskämpferInnen im Salzkammergut.

Sepp Plieseis, ein entflohener KZ-Häftling, wird Anführer einer Partisanengruppe im Salzkammergut. In den Bergen versteckt, nur teilweise von der Bevölkerung unterstützt, von den Nationalsozialisten gejagt warten sie auf ihre Chance, wirklichen Widerstand zu leisten. Die Gelegenheit kommt als sie erfahren, dass ein Kunstdepot im Altausseer Salzbergwerk in die Luft gesprengt werden soll. Mit gestohlenen Wehrmachtsuniformen verkleidet verhindern sie dies und retten somit an die siebentausend Kunstschätze, darunter etwa die Mona Lisa oder der Genter Altar.

Mit „Hirschen“ setzt Franzobel den Widerständigen von damals ebenso ein Denkmal wie ihren UnterstützerInnen in der Bevölkerung und betont dabei auch die wesentliche Rolle der Frauen wie etwa Resi Pesendorfer. Dabei generiert er aber keine überhöhten altruistischen HeldInnen – seine Figuren bleiben, was ihre historischen Vorbilder waren: fehlbar und zweifelnd, behaftet mit allerlei menschlichen Makeln und Unzulänglichkeiten, dennoch entschlossen, sich nicht mit dem eigenen Überleben zu begnügen.
Immer wieder spannt der Autor den Bogen zu Gegenwart und zu den unsäglichen Äußerungen der Widerlichen heutiger Tage; die „ordentliche Beschäftigungspolitik“ des JH ist da leider nur ein grausiges Beispiel unter vielen.
Bei allem Ernst und trotz der erzählten Tragödien gelingt es Franzobel, eine Reihe komischer und absurder Elemente in die Handlung einzubetten und er macht damit auch den kaum denkmöglichen Wahnsinn jener Zeit greifbarer.

Georg Schmiedleitners Regie bringt in der Uraufführung des Stücks all diese Elemente sehr eindringlich zur Geltung. Nicht zuletzt wegen Stefan Brandtmayrs monumental-beeindruckendem Bühnenbild, dem geschickten Einsatz der Bühnentechnik und Elke Gattingers Kostümen entstehen eine Vielzahl von eindringlichen Bildern, die oft noch von Mojca Arnold und Bojana Popovicki als Zigeunerinnen an Violine und Akkordeon musikalisch verstärkt werden.
Das gesamte Ensemble, angeführt von Daniel Doujenis als Plieseis, bot bei der Premiere eine grandiose Leistung, sodass nach Ende der Applausordnung wieder einmal noch sehr viel Applaus übrig war …

Text: Michael Langer und Ulrich Braunegg

Folgevorstellungen:
6., 20., 22. und 28. Dezember 2006
11., 16. und 20. Jänner 2007




Hintergrundinformationen

Franzobels Stück und seinen Figuren liegen reale Ereignisse und Personen zu Grunde. Wer sich für die Geschichte(n) des Widerstandes im Salzkammergut näher interessiert, der/dem möchten wir hier die hervorragende 8-teilige Radiodokumentation "Fragmente des Widerstands - Eine Spurensuche des Freien Radios Salzkammergut" wärmstens empfehlen. Im Laufe der Dokumetation entdeckt man erst, wie detailreich und genau Franzobel viele historische Begenheiten in
„Hirschen“ verarbeitet hat.

Eine Inhaltsangabe der einzelnen Folgen und die Möglichkeit zum Download als mp3 finden sich [hier].

Gefunden und gehört von: Michael Langer









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