Opernhaus Graz:

Lortzing: Zar und Zimmermann


Kurzweiliges Vergnügen
von Wolfgang Würdinger

(Graz, 7.10.2006). Zum Erfolg auf allen Linien geriet die zweite Premiere der laufenden Saison, die Albert Lortzings Zar und Zimmermann gewidmet war. Die Ausstattung wurde von der Wiener Volksoper übernommen, wo in den Neunzigerjahren des vorigen Jahrhunderts keine Geringeren als Bo Skovhus und Georg Tichy in der Titelpartie alternierten, für die szenische und musikalische Umsetzung sorgte die Grazer Oper selbst.

Bühnen- und Kostümbildnerin Heidrun Schmelzer verlegt die Handlung von der Ende des 18. Jahrhunderts in das Industriezeitalter und schafft – auch dank der geschmackvollen Kostüme - sofort eine stimmige Atmosphäre, in der das Verwechslungsspiel um die beiden Peter in der diskreten Regie von Michael Schilhan zügig vorangehen kann. Die Regie zeichnet sich durch eine präzise Personenführung aus, ohne dass übertrieben, outriert oder gar gekalauert wird, wozu ja gerade der dümmliche Bürgermeister van Bett Anlass geben könnte, den Lars Woldt zu einer gar saftigen Figur formt, er trifft die richtige Mischung aus Aufgeblasenheit, Bauernschläue, Tölpelhaftigkeit und zum Schluss Einsicht in die eigene Unfähigkeit; sein runder, kräftiger und tiefensicherer Bass, den er sehr nuanciert einsetzt, eignet sich ideal für diese Rolle. Ebenfalls vom Publikum heftig akklamiert wurde der junge deutsche Bariton Kay Stiefermann als Zar Peter I., zu Beginn wirkte sein Spiel noch etwas steif (Premierennervosität??), doch wurde er bald gelöster, auch sein in allen Lagen gleichmäßig ansprechender schöner lyrischer Bariton, dem viele Schattierungen zu Gebote stehen, kann als stimmlicher Idealfall bezeichnet werden.

Die übrigen Rollen konnten aus dem Ensemble besetzt werden, Dorit Machatsch als liebenswürdig-quirlige Marie bezaubert mit ihrem lyrischen Sopran, Manuel von Senden ist stimmlich und schauspielerisch ideal für Peter Iwanow, als Marquis von Châteauneuf brilliert Taylan Memioglu mit seinem strahlenden lyrischen Tenor; die bewährten Fran Lubahn, Götz Zemann und Wilfried Zelinka verleihen ihren Partien scharfes Profil.

Eine schauspielerische und gesangliche Höchstleistung vollbrachten – bestens einstudiert von Matthias Köhler - Chor und Extrachor der Grazer Oper, die mit sicht- und hörbarer Freude am Werk waren; Richard Wien dirigierte mit viel Schwung das ihm willig folgende Grazer Philharmonische Orchester, es wurden viele Details herausgearbeitet und dennoch Bühne und Graben immer bestens koordiniert und die SängerInnen rücksichtsvoll begleitet. Nicht unerwähnt bleiben dürfen die ElevInnen der Ballettschule, die in der Choreographie ihrer Leiterin Diana Ungureanu den Holzschuhtanz gar entzückend auf die Bühne brachten.

Text: Wolfgang Würdinger

Ideenfreie Zone
von Ulrich Braunegg

(Graz, 7.10.2006). Eine Enttäuschung für den Freund der komischen Oper ist die Grazer Inszenierung von Lortzings Zar und Zimmermann.

Zar Peter I, der auf seiner großen Europareise in Saardam in Holland angekommen ist um dort unter dem Namen Peter Michailow als Zimmergeselle die Schiffbaukunst zu erlernen, wird für einen Kriminellen gehalten, sein Freund Peter Iwanow, in den Marie, die Nichte des Bürgermeisters van Bett verliebt ist, wird für den Zaren gehalten, und als man dann genug verwechselt hat, setzt Peter I Iwanow als seinen Gesandten in Holland ein, gibt Marie und Iwanow seinen Segen, und zieht ab nach Russland.

Eben so glatt und frei von Höhepunkten zieht auch die Grazer Inszenierung von Michael Schilhan an einem vorüber. Es fehlt jede eigene Idee, jeder Witz und Esprit. Nur kurz kann man verhalten Lachen als im ersten Akt ein Werftarbeiter vom Gerüst fällt und dann fort getragen wird, und als im dritten Akt die Bewohner von Saardam Iwanow als vermeintlichen Zaren Hollands wichtigste Exportprodukte – Tulpen und Gewächshaustomaten – vor die Füße legen. Statt auf eigene Ideen und Interpretationen setzt die Inszenierung auf den Niedlichkeitsfaktor von völlig unmotiviert auf der Bühne erscheinenden Kindern, was im Kinderholzschuhballett im dritten Akt gipfelt welches weder synchron noch annäherungsweise im Takt ist. Mitten ins sanfte Zwischenspiel von „Lebewohl mein flandrisch Mädchen“ stürmt von links jemand auf die Bühne und würgt damit die leisen Geigentöne ab.

Die sängerische Qualität von Lars Woldt als Bürgermeister ist wie auch seine schauspielerische Leistung herausragend. Er wird zur Karikatur eines eingebildeten, hochnäsigen Politikers der erst am Ende des Stückes seine eigene Beschränktheit bemerkt. Sängerisch steht ihm Kay Stiefermann als Zar Peter I kaum nach, nur in den Verzierungen wird er unscharf. Doch bleibt sein Peter schauspielerisch leider auf der Strecke. Stimmlich besticht Taylan Memioglu als Marquis de Châteauneuf doch will man ihm den verliebten französischen Gesandten nicht abnehmen. Manuel von Senden als Peter Iwanow spielt sich sicher durch seine Partie, doch fehlt seiner, an Sprechgesang erinnernden Interpretation, die lyrische Sanftheit. Marie Dorit Machatsch hingegen ist die Einzige im überaus wortdeutlichen Ensemble für die man, vor allem in den schnellen Noten ihrer Partie, fast fortwährend die deutschen Übertitel mitlesen muss, sogar der Chor bringt durchgehend den Text so deutlich heraus als würde er mit einer Stimme singen.

Dazu kommt die musikalisch undifferenzierte Interpretation von Richard Wien, die sowohl in Geschwindigkeit als auch in Lautstärke kaum changiert, was dazu führt, dass von Ouvertüre bis zum letzten Akkord musikalisch nur wenig Entwicklung zu bemerken ist und dass die Sänger in ihren Pianissimo Stellen schwer zu hören sind aber schon im Mezzoforte das Orchester völlig übertönen.

Im Bühnenbild von Heidrun Schmelzer zieht sich die Küstenlandschaft Hollands wie eine rote Linie durch das Stück. Es ist detailverliebt, facettenreich und wandelbar und gibt jeder Szene des Stückes die Atmosphäre die ihr gebührt.

Text: Ulrich Braunegg

Folgevorstellungen:
11., 18., 20. und 28. Oktober 2006
5., 18. und 30. November 2006
weitere 6 Vorstellungen von Februar bis Mai 2007







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