Schauspielhaus Graz:

Grillparzer: Medea
Erschütternd und überwältigend


(Graz, 3.10.2006). Grillparzers Medea hat sich von Sophokles’ Stück sehr weit weiterentwickelt. Medea und Jason wurde zu psychologischen Figuren denen Grillparzer eine Tiefe und Intensität gab wie sie andere Schriftsteller erst nach Freuds Psychoanalyse entwickeln konnten.

Durch Paul Lerchbaumers Bühnenbild wird die Grazer Medea in eine Arena versetzt. An das Halbrund der Zuschauerränge schließt sich noch ein weiterer Viertelkreis dessen Front einerseits so gestaltet ist wie das Innere des Zuschauerraumes, andererseits aber vergittert und heruntergekommen ist – s’ist etwas Faul im Staate Korinth wohin sich Medea, Jason und ihre zwei Söhne geflüchtet haben nachdem Medea ihre Heimat Kolchos, ihren Vater und ihren Bruder verraten hat und auch in Jasons Heimat Jolkos für die Familie keine Zuflucht zu finden war. Doch auch in Korinth findet Medea keine Ruhe. Hier entwickelt sich der Zentrale Punkt des Dramas: Was kann eine Mutter dazu bringen ihre eigenen Kinder zu ermorden?

Es ist Martina Stilp die in der Rolle der Medea so überzeugend ist, dass man nachempfinden kann, wie das Drama seinen Lauf nimmt. Mit schauspielerischer Präzision entwickelt sie sich von der liebenden Ehefrau und Mutter zur zurückgewiesenen, zur Hassenden und tötet dann, als Jason eine andere heiratet und er und seine Familie ihr auch noch die Kinder entreißen wollen, beide Söhne.

Sebastian Reiß als Jason steht ihr in seiner Leistung um nichts nach. Verzweifelt über seine Lage und letztendlich hauptsächlich den eigenen Vorteil, suchend begeht er an seiner Frau Verrat und heiratet Kreusa, die Tochter seines Onkels.

Anna Badora, die neue Intendantin des Schauspielhauses inszeniert den dritten Teil von Grillparzers 1822 geschriebener Argonauten-Trilogie gleichzeitig modern und klassisch. Auf einer modernen Bühne stehen sich moderne Menschen in moderner Kleidung gegenüber. Medea ist ein Flüchtling aus einem afrikanischen Land, aus dem sie Jason nach Europa gefolgt ist. Doch die Handlung der Medea an sich ist unverändert. Nichts, was dem Drama nicht eigen wäre, wurde hinzugedichtet. Und anders als in anderen modernisierten Inszenierungen von klassischen Stücken stimmt hier alles: Wo Medea von einem Dolch spricht zieht sie auch einen und nicht etwa ein Gewehr. Wenn Kreusa ihr beibringen will wie man in Korinth tanzt, tanzt Medea –  Walzer zwar, denn sie ist ja in Österreich, aber sie muss nicht etwa stattdessen lernen Autozufahren.

Auch die anderen Rollen sind mit Jaschka Lämmert als Kreusa und Daniel Friedrich als Kreon hervorragend besetzt. Herausragend ist Martina Krauel als Gora, Medeas Amme die ihren Hass auf alles Griechische so intensiv und eindrucksvoll spielt, dass er einem einfach unter die Haut gehen muss.

Ein wenig enttäuschend an diesem Abend sind nur die Kinder Medeas, die ihren kurzen Text zwar brav aufsagen aber zu leise und völlig ausdrucksleer und einen somit kurzzeitig aus der hervorragend aufgebauten Stimmung des Stückes herausreißen.

Doch währt diese Unterbrechung nur kurz und bis zum plötzlichen Ende des Stückes ist man bereits wieder so gefangen, dass man kaum weiß, ob es nun aus ist oder ob man noch mehr erwarten darf. Dann aber bricht der Jubel des Publikums über die Akteure des Abends herein und man ist erschüttert vom Gesehenen, überwältigt von der schauspielerischen Leistung und auch ein wenig nachdenklich wenn man erlebt hat, wie eine aus ihrer Heimat geflüchtete Mutter aus Verzweiflung ihre Kinder tötete, in einem Land in dem mit Fremdenhass Wahlkampf geführt werden kann.


Folgevorstellungen:

19. und 22. Oktober
2., 3., 8., 11., 15. und 17. November

Text: Ulrich Braunegg







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