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Und wieder einmal schaffte es modernes Regietheater, Langeweile zu erregen.
von Wolfgang Würdinger
(Graz, 1.10.2006). Stefan Herheim lässt in der Ausstattung von Heike Scheele seine Version von Carmen in einem Museum spielen, Don José ist Museumswärter, der sich in die Raumpflegerin Carmen verliebt, der Chor ist Aufsichts- und Reinigungspersonal ebenso wie MuseumsbesucherInnen, schön langsam schlüpfen dann die Figuren in ihre ursprüngliche Gestalt, im zweiten Akt die Schenke des Lilas Pastia ist der Fundus im Keller werden dann alle möglichen Figuren zum Leben erweckt, von Salome über Don Quijote bis hin zu Marilyn Monroe und Andy Warhol, es wird viel intellektualisiert (die Freiheit der Kunst wird gar arg strapaziert) und psychologisiert (besonders Don José als vom Bösen Gefangener ist Carmen ein Dämon? - scheint den Regisseur zu interessieren), auf der Strecke aber bleibt das Stück, die großen Leidenschaften wirken nicht echt, in den lyrischen Szenen kommt keine Stimmung auf, ob so manche karikaturistische Überzeichnung (warum müssen Remendado und Dancairo im Fummel herumlaufen, als ob sie gleich auf den Tuntenball gingen?) dem Werk dient, sei dahingestellt.
Chefdirigent Johannes Fritzsch setzt auf schlanken Klang, das Grazer Philharmonische Orchester folgt ihm willig, präzise und klangschön, die südliche Hitze und die großen Passionen und auch die französische Eleganz kommen aber zu kurz. Viele neue SängerInnen präsentierten sich dem Grazer Publikum, Kirstin Chávez als Titelheldin verfügt über einen sehr interessant timbrierten und ausdrucksstarken Mezzosopran und spielt auch ausgezeichnet, Kate Ladner (Micaela) über einen runden lyrischen Sopran, Luis Ledesmas Bariton fehlt es zwar nicht an Kraft, jedoch an Eleganz für den Escamillo und Jean-Pierre Furlan setzt wie schon als Hoffmann auf körperlichen Totaleinsatz und bemüht sich gesanglich sehr um Nuancen, am besten gelingen ihm jedoch die dramatischen Momente, ein echter Höhepunkt das Finale des dritten Aktes, in dem Micaela - für uns durchaus unmotiviert - sterben muss. Ausgezeichnet besetzt auch die kleineren Partien, Hyon Lee und Lucia M. Schwartz als Carmens Freundinnen, David McShane und Martin Fournier als Schmuggler, imposant der Zuniga von Konstantin Sfiris. In der Rolle des Sergeanten Morales gibt Ivan Oreščanin mit klangschönem Bariton und viel Spielfreude eine Kostprobe seines großen Talentes ab.
Text: Wolfgang Würdinger
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Ausbruch aus der Tradition.
von Ulrich Braunegg
(Graz, 1.10.2006). Die neue Grazer Carmen, in der bildgewaltigen und unkonventionellen Inszenierung von Stefan Herheim im beeindruckenden Bühnenbild von Heike Scheele, setzt auf eine völlig neue und ungewöhnliche Deutung. Carmen, Raumpflegerin in einem Museum, und Don José, Wächter ebendort, kommen währen einer kurzen pantomimischen Szene vor der Ouverture darauf, dass es ihnen möglich ist, in die Bilder im Museum und die Geschichte die diese erzählen hineinzuschlüpfen. Daraus ergibt sich die Handlung der Grazer Inszenierung. Die Soldaten und Zigarettenfabriksarbeiterinnen in der ersten Szene der Oper kommen folgerichtig aus zwei Bildern heraus. Micaëla ist Besucherin im Museum und auch sie betritt das Gemälde um mit Don José zu sprechen. Während ihrer ersten Szene zeigt sich bereits die unglaublich effektvolle Lichtgestaltung dieser Inszenierung: Als sie erzählt, Don Josés Mutter in einer Kapelle getroffen zu haben, wird plötzlich nur ein Punkt, eine Ikone im Hintergrund eines Gemäldes welches den Innenraum einer Gemäldegalerie zeigt, präzise von hinten beleuchtet. Und schon ist Micaëla in der Kapelle. An anderen Punkten erscheint und verschwindet der Chor hinter einem Gemälde welches mal von vorne, mal von hinten beleuchtet wird und um die Bühne mit Licht zu fluten wird nicht auf direkte Scheinwerfer sondern auf Licht das aus den Bildern kommt zurückgegriffen. Die Zigeuner zu denen Carmen und Don José flüchten, werden in dieser Inszenierung zu Figuren aus Gemälden (u. a. Salome, Mona Lisa, Infantin Margarita von Spanien nach Diego Velázquez, Liberté aus dem Gemälde von Eugène Delacroix,…) denen sie zur Flucht aus ihrer zweidimensionalen Welt verhelfen: Carmen und Don José befreien die Kunst. Micaëlas Erscheinen bei den befreiten Bildern wird zur Tragödie als Don José sie versehentlich erschießt. Eine ungewöhnliche doch nicht unmögliche Deutung der Passage „il ajuste... il fait feu...“ (er zielt…er feuert…) in Micaëlas Monolog.
Musikalisch ist die Carmen der Grazer Oper ein wirklicher Genuss. Das Orchester unter der Leitung von Johannes Fritzsch, der Chor, der Extrachor und auch der Kinderchor brillieren mit fein nuancierten Klängen und viel musikalischem Verständnis für Bizets Musik. Kirstin Chávez gibt ihr Europadebut und singt sich gekonnt und Facettenreich durch die Titelpartie doch bleibt sie hinter den lyrischen Qualitäten von Kate Ladners Micaëla zurück, die vor allem in der Szene bei den Zigeunern ihre Sanftheit und ihre Liebe zu Don José stimmlich wie schauspielerisch überzeugend darstellt. Jean-Pierre Furlan als Don José fehlt es leider an Sanftheit in der Höhe, doch durch seine Darstellung eines impulsiven und verzweifelten Liebhabers dreht er diese Schwäche in eine Stärke um. Dancaïre, David McShane, und Remendado, Martin Fournier, die, um zu unterstreichen; dass man für einen erfolgreichen Betrug Frauen braucht, als Frauen verkleidet auftreten, brillieren sowohl durch ihr gesangliches wie auch ihr schauspielerisches Talent. Nicht zuletzt wegen der stolzgeschwellten gelben Brust geht, wenn Zuniga Konstantin Sfiris die Bühne betritt, die Sonne auf.
Was bleibt aber in der Grazer Inszenierung übrig von der Figur Carmen? Sie war immer eine Kämpferin für die Freiheit, alle Deutungen, in Film, Tanz, Schauspiel und auch Bizets Oper sind sich da einig. Nun kämpft sie für die Freiheit der Kunst. Gewagt, ja. Aber nicht ganz aus der Luft gegriffen.
Text: Ulrich Braunegg
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