Schauspielhaus Graz:

Nestroy: Der Talisman
Kurzweilig, unterhaltsam und geistreich


(Graz, 16.12.2006). Salome, eine Gänsehüterin, ist unglücklich da sie die einzige Rothaarige weit und breit ist und wegen ihrer Haarfarbe bei der Dorfjugend zur Außenseiterin geworden ist. Da kommt, wie herbeigewünscht, Titus Feuerfuchs des Weges der, ebenfalls rot behaart, zu ihrem großen Schwarm wird. Auch Titus musste schon bemerken welche Vorurteile die Welt gegenüber seiner Haarfarbe hat und er ist dementsprechend recht verdrießlich. Dann aber rettet er den Friseur der Frau von Cyprssenburg, Herrn Marquis, welchen er verständlicherweise für einen Adeligen hält. Der Herr Marquis schenkt dem edlen Retter nicht Gold, nicht Juwelen, sondern einen Talisman: eine schwarze, lockige Perücke: Die Haarpracht eines ehrlichen Mannes. Mit dieser Perücke beglückt erhält Titus den Posten des Obergärtners bei Frau von Cypressenburg, und Flora, die verwitwete Gärtnerin, versucht auch ihm Avancen zu machen um schneller als die, ebenfalls verwitwete, Kammerfrau Constantia unter der Haube zu landen. Doch Constantia kommt herbei und verschafft dem neuen Gärtner sofort den Posten des Jägers im Haushalt der Frau von Cypressenburg. Sie war aber bisher die Geliebte des Friseurs Marquis und jener, jetzt eifersüchtig geworden, stiehlt Titus die Perücke wieder. Die Frau von Cypressenburg kommt herbei und Titus läuft, um nicht als Rotschopf wieder hinausgeworfen zu werden, in einen Wandschrank und findet dort eine andere Perücke, merkt aber in der Dunkelheit nicht dass sie blond ist. Erblondet wird er von der Frau von Cypressenburg zu ihrem persönlichen Sekretär ernannt und er intrigiert heftig gegen die anderen Bediensteten. Die Frau von Cypressenburg will alle anderen hinauswerfen doch sie platzen herein, protestieren aufs heftigste, und als der Friseur droht, Titus zu entlarven, reißt dieser sich die Perücke vom Kopf. Die Frau von Cypressenburg ist entsetzt und wirft Titus aus ihrem Haus. Der nachgeschickte Diener verlangt dann auch noch den Anzug, den die Frau von Cypressenburg Titus geschenkt hat, zurück. Während Titus sich umzieht führt Salome seinen Onkel, einen Bierversilberer, herein der beschlossen hat, seinem nichtsnutzigen, weil rothaarigen, Neffen zwar nicht als Erben einzusetzen, doch im ein Geschäft zu kaufen und ihm ein paar tausend Gulden zu schenken um ihn als gemachten Mann in der Welt dastehen zu lassen. Titus wird zurückgeholt und während Constantia und die Frau von Cypressenburg versuchen den Onkel davon zu überzeugen, Titus doch als Universalerben einzusetzen, kommt dieser mit der grauen Perücke des verstorbenen Ehemannes der Gärtnerin Flora herein. Der Onkel, glücklich über die Änderung der Haarfarbe, will ihn als Universalerben einsetzen, Flora und Constantia, glücklich über den Reichtum, wollen ihn heiraten doch Titus, unwillig den Onkel zu betrügen, reißt sich die Perücke vom Kopf, verzichtet auf das Erbe und erwählt Salome die ihn schon wollte als er mittellos und rothaarig war.

Nestroys Komödie über die Oberflächlichkeit der Menschen geht im Grazer Schauspielhaus in der Regie von Peter Gruber mit jeder Menge Esprit, Witz und Elan über die Bühne. In einem modernen Bühnenbild, mit modernen Kostümen für die Dienerschaft, und historischen für die Adeligen, beides, sowohl Bühne als auch Kostüme, von Cornelia Brunn, kommt der ganze Witz des Talismans zur Geltung. Kurz braucht man, um sich daran zu gewöhnen, dass die Dienerschaft und die Dorfjugend ihre Texte in einer etwas undefinierbaren Mischung zwischen Steirisch und Wienerisch darbringen. Doch diese Verwirrung währt, ebenso wie jene über die, wegen der überschwänglichen schauspielerischen Gewalt leider verschobenen, Tonlagen in den Nestroyschen Couplets nur kurz.
Angeführt wird die Truppe von Max Mayer der als Titus Feuerfuchs durch seine hervorragende schauspielerische Leistung vollauf überzeugen kann. Jaschka Lämmerts Salome steht ihm da in nichts nach. In der Enttäuschung, Freude und Verwirrung ihrer vielschichtigen Rolle begeistert sie das Publikum. Julia Cencig als Constanzia und Alexandra Tichy als Flora geben hervorragend die zwei sich bekriegenden Bediensteten der Frau von Cypressenburg. Andrea Wenzl spielt mit unglaublicher Komik die Tochter der Frau von Cypressenburg die so sehr gelangweilt wird von ihrer Mutter dass sie sogar an vorgetäschten Selbstmord denkt. Besonders erwähnenswert ist auch die Leistung von Souffleuse Nina Schnepf, die in gleich zwei Rollen auf der Bühne steht und mit viel Charme und Humor die schauspielerische Leistung der anderen ergänzt. Abgerundet wird das Ensemble von den Schauspielhausgrößen Gerti Pall als Frau von Cypressenburg, Erik Göller als Bierversilberer Spund, Ernst Prassel als Gärtnergehilfe Putzerkern und Gerhard Balluch als künstlerisch dilettierender Herr von Platt. Alle vier sind begeisternd in ihren Rollen und können erneut ein Publikum überzeugen, das ihnen schon wegen der Leistung in vielen anderen Rollen zu Füßen liegt.
Alles in allem ist das ein Theaterabend den man sich nicht entgehen lassen sollte: kurzweilig, unterhaltsam und geistreich. So wünscht man sich Nestroy.

Text: Ulrich Braunegg

Folgevorstellungen:
17., 19., 21., 27., 30. und 31. (2 Vorstellungen) Dezember 2006
4., 10., 17., 19., 27. und 28. Jänner 2007
3. Februar 2007









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