Staatsoper Wien:

Puccini: La Bohème
Fulminanter Saisonstart


(Wien). In der zum Klassiker gewordenen Inszenierung von Franco Zeffirelli ging am 5. September zur Eröffnung der Spielzeit 2006/07 die 313. Aufführung eines der beliebtesten Werke der Opernliteratur, nämlich La Bohème von Giacomo Puccini über die Bühne der bis auf den letzten Stehplatz ausverkauften Wiener Staatsoper.

Der etwas verspätete Saisonbeginn tat der Eröffnungsvorstellung merklich gut, die Aufführung war sicht- und hörbar sehr gut probiert. Gleich drei in Graz bestens bekannte Namen wies der Besetzungszettel auf, und zwar Tamar Iveri und Alexandra Reinprecht in den Rollen von Mimi und Musetta, sowie Philippe Jordan als Dirigent.

Mit dem ausgezeichnet disponierten Orchester der Wiener Staatsoper realisierte Jordan eine dynamisch außergewöhnlich facettenreiche, einerseits kammermusikalische, andererseits die großen Kantilenen und musikalischen Steigerungen (Finale 2. Bild) auskostende Wiedergabe der Partitur, ohne je in die Sentimentalität abzugleiten. Darüber hinaus ist Jordan ein Dirigent, der immer mit seinen SängerInnen atmet und mitlebt.

Auf der Bühne agierte, dem Werk entsprechend, ein junges Sängerensemble: Tamar Iveri gab eine Mimi von großer Klasse, ihr Sopran ist sowohl der feinen Lyrismen wie auch der dramatischen Momente der Partie fähig, dazu kommt ihr Schauspieltalent, und so gelang die Sterbeszene besonders berührend. Als Musetta debütierte Alexandra Reinprecht und schuf ein gar köstliches Rollenporträt, stimmlich wie schauspielerisch kocht sie alle Männer ein. Das Männerquartett bestand aus dem soliden Janusz Monarcha als weisem Colline, dem Rollendebütanten Vladimir Moroz mit gut geführtem, eher hellem Bariton als Schaunard, Adrian Eröd als darstellerisch intensivem und stimmgewaltigem Marcello, sowie einem weiteren Rollendebütanten, dem argentinischen Tenor Marcelo Alvarez, der die für uns eindrucksvollste Leistung des Abends darbot: Hätte man nicht gewusst, dass es sich um ein Debüt handelt, hätte man meinen können, er habe diese Partie schon lange im Repertoire, so ausgefeilt und nuanciert war seine schauspielerische und stimmliche Leistung, diese Partie ist ihm wie auf den Leib geschneidert, und in seiner Arie meisterte er beinahe mühelos das hohe C. Die schönsten Momente gelangen allerdings in den gemeinsamen Szenen mit Mimi.

Ioan Holenders noch mit Eberhard Waechter gemeinsam entwickeltes Konzept der Repertoirepflege und der Förderung junger SängerInnen ist an einem weiteren Abend wieder einmal vollkommen aufgegangen.

Folgevorstellungen:
9., 13. 17. und 21. September 2006
12., 26. und 20. November 2006 (mit Angela Gheorghiu und Neil Shicoff)
19., 22. und 25. Februar 2007 (mit Tamar Iveri und Rolando Villazon)

Text: Wolfgang Würdinger



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