Lehárfestival Bad Ischl:

Suppé: Fatinitza
Fein herausgearbeitete musikalische Finessen und humorvolle Pointen


(Bad Ischl). Als der Vorhang sich zur Bad Ischler Inszenierung von Franz von Suppés Operette verspätet öffnet und dann wieder schließt, befürchtet man schon Schlimmstes, doch von da an läuft im Kongress und Theaterhaus alles reibungslos.

Der frühere Kavallerieoffizier Wladimir befindet sich mit seinem Infanterieregiment in einem russischen Heerlager an der Donau und verkleidet sich, um ein Theaterstück aufzuführen, als Tscherkessin Fatinitza und verdreht dabei dem unerwartet eingetroffenen General Kantschukoff, der noch dazu der Onkel von Wladimirs Geliebter Lydia ist, den Kopf. Als dann auch noch Lydia herbeieilt, Wladimir sich als seine eigene Schwester ausgeben muss, sich selbst mittels Lösegeld von den Türken befreien möchte, diese dann auch noch prompt eintreffen und sowohl Lydia als auch Fatinitza in den Harem des Türkischen Befehlshabers Izzet Pascha entführen, ist klar: so schön verwechselt man sich nur in einer Operette.

Der ganze Stoff ist leider eher banal und voraussagbar und auch Suppés Ideen sind in diesem Werk nicht so sprühend wie in seinen anderen. Dennoch überrascht die 1876 uraufgeführte Fatinitza mit ein paar musikalischen Finessen die vom Ensemble, allen voran Stephanie Houtzeel als Wladimir und Zora Antonic als Fürstin Lydia Uschakoff, wunderschön und facettenreich dargeboten werden.

Sowohl das Bühnenbild von Friedrich Despalmes, das zwar einfach ist, aber die nötige Wandlungsfähigkeit besitzt um, mit nur geringem Umbau, sowohl als Heerlager an der Donau, als Serail in Iskatscha und als Saal im Palais Kantschukoff in Odessa dienen zu können, als auch die Kostüme von Monika Biegler, die sowohl der Zeit als auch den Rollen angepasst sind (Bemerkenswert: die Latex-Reifrock-Kleider von Lydia im Dritten Akt), unterstreichen die große Leistung der Festspielleitung. Man hat hier mit einfachen aber wirksamen Mitteln ein Operettenfestival geschaffen, das für die gesamte Region als Anziehungspunkt nicht unbedeutend ist.

Im Ensemble trifft man als treuer Gast der Grazer Oper und des Schauspielhauses viele Bekannte. Stephanie Houtzeel, die als Leutnant Wladimir nach Octavian im Rosenkavalier, nach dem Prinzen Orlovsky, Idamante und Amando (Grand Macabre) ein weiteres Mal in einer Hosenrolle zu sehen ist, begeistert mit ihrem sanften Mezzosopran, welcher auch im Piano noch in den hintersten Reihen für Gänsehaut sorgt. Gerhard Balluch spielt sich in einer Unzahl von Rollen, die in ihrer Gesamtheit sehr an den Salieri im Amadeus erinnern, durch die Operette. Er ist begeisternd und erschütternd doch leider hat er als Schauspieler, ebenso wie Erik Göller, dessen schauspielerische Leistung ebenfalls in drei grundverschiedenen Rollen zu bewundern ist, das Nachsehen. An Stellen, wo sie singen sollten, hätte man vielleicht die Gesangsteile der beiden besser von Chorherren singen lassen sollen, damit sich die beiden auf ihre ureigenste Kunst konzentrieren können. Zora Antonic als Fürstin Lydia Uschakoff spielt überzeugend auf und hält ihre hohen, stimmgewaltigen Töne dermaßen lange an, dass man schon fast um ihre Lunge besorgt ist, ehe sie sie langsam herab gleiten lässt und sie wieder mit dem Ensemble vereinigt. Christian Bauer, als Journalist Julian Goltz, stemmt seine hohen Töne im Forte leider mehr als sie schwingen zu lassen, bezaubert aber im Piano. Regisseur Leonard C. Prinsloo hat seinen SängerInnen und SchauspielerInnen viele Pointen geschenkt, die vom Festspielpublikum dankbar aufgenommen werden, indem er durch Anleihen bei Gesangstücken aus der Lustigen Witwe auf die zweite Produktion des Ischler Sommers hinweist.

„Oh Fatinitza, was hast du alles durchgemacht“ heißt es im Gesangsstück des Generals Kantschukoff (großartig: Steven Scheschareg) doch diese Fatinitza hat nichts „durchgemacht“; Franz von Suppé könnte mit der Inszenierung seiner Operette durchaus zufrieden sein. Kurzweiliger und unterhaltsamer hätte man die, mit Recht von den Spielplänen verschwundene, Fatinitza kaum auf die Bühne bringen können.

Folgevorstellungen:
21. und 29. Juli 2006
5., 11., 14., 20. und 25. August 2006

Text: Ulrich Braunegg







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