| Opernhaus Graz:
Ligeti: Le Grand Macabre
Außerordentlich sehenswert und ein absolutes „Must“
(Graz). Tosender Applaus, Standing Ovations. Nach allem, was im Voraus über die informellen Kanäle der Grazer Oper durchsickerte, hat man das wohl kaum erwartet. Wobei die Produktion die Barrie Kosky ursprünglich für die Komische Oper Berlin geschaffen hat ansonsten nichts schuldig blieb.
Ein großteils leerer Bühnenraum empfängt das Publikum, nur Manuel von Senden als teilweise etwas farbloser Piet vom Fass der als Müllmann einen Statisten völlig entkleidet, ist auf der Bühne. Dreißig Sekunden bis zum ersten Nackten ist ein Schnitt, den man in Graz weniger von der Oper als vom Schauspielhaus gewöhnt ist. Auch der restliche Abend erinnert an Theater- und Opernaufführungen die in Graz eher durchgefallen sind, wie die letzte Johanna von Orleans (Saison 2001/02) oder die letztjährige Produktion von Beethovens Fidelio wo ähnliche Szenen beim Publikum auf wenig Verständnis gestoßen sind.
Musikalisch ist Ligetis Werk eine Herausforderung nicht nur für das Publikum sondern vor allem natürlich auch für das Orchester (welches von Johannes Stert meisterhaft durch die atonalen Dissonanzen der Partitur geführt wurde) und natürlich auch für die Sänger. Juraj Hurny als Weißer Minister gibt einem leider das Gefühl, dass er mehr Lautstärke geben möchte als sein Körper ihm zu schenken bereit ist, doch kann das die Leistung des restlichen Ensembles nicht mindern: Der Bregenzer Bassbariton Martin Winkler begeistert als kannibalischer, die Toten ausweidender (und nicht zuletzt spuckender) Nekrotzar; Andrew Watts, Gast-Countertenor aus Großbritannien, singt den Fürsten Go-Go und vollbringt dabei neben der großartigen musikalischen auch eine wunderbare schauspielerische Leistung; Hyon Lee, die in der Zauberflöte als Königin der Nacht eher farblos und zuwenig dramatisch blieb, singt sich mit Bravour durch die Extremhöhen der Venus und des Gepopo, singt kaugummikauend und mit Minischritten stampfend ohne den Atem, die Tonlage oder die strahlende Stimme zu verlieren; Stephanie Houtzeel begeistert nach Orlovsky, Idamante und Octavian als Amando ein weiteres Mal in einer Hosenrolle und bringt im Liebesduett mit der von Ruth Weber gesungenen Amanda trotz der schrägen Töne die Herzen zum Schmelzen; der Chor der Grazer Oper wechselt von unwirklich leise und in der Ferne kaum hörbar zu fordernd, jubelnd und brüllend und bleibt hinter der Leistung der Solisten nicht zurück.
Es ist wohl eine Art Magie die sich zwischen einer der erfolgreichsten Opern der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts, der Szenerie von Barrie Kosky, und dem großartigen Zusammenspiel des Ensembles entwickelt, die diesen Abend zu einem echten Erfolg werden lässt. Auf jeden Fall ist Le Grand Macabre in der Grazer Oper außerordentlich sehenswert und ein absolutes „Must“ für all jene, die der modernen Kunstmusik zugeneigt sind.
Folgevorstellungen
10., 12., 18., 21. und 24. Mai 2006
Text: Ulrich Braunegg
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