Opernhaus Graz:

Verdi - La traviata

Solide, jedoch nicht mitreißend

(Graz). Nach einigen Wirren im Vorfeld der dritten Opernpremiere der Spielzeit 2005/06 um Regisseur, Hauptdarstellerin und Dirigent ging am 19. November der Vorhang wie geplant hoch, und es kam zu einer vom allergrößten Teil des für ein volles Haus sorgenden Publikums lautstark bejubelten Aufführung von Giuseppe Verdis unverwüstlichem Meisterwerk, La traviata.

Regisseur Dietmar Pflegerl hatte darauf bestanden, dass eine Sängerin seiner Wahl engagiert wird, und diese wurde in der jungen Italienerin Adriana Damato auch gefunden, die in Graz ein durchaus beeindruckendes Rollen- und Hausdebüt gab: Ihre eher dunkle und technisch hervorragend geführte Sopranstimme spricht in allen Lagen gleichmäßig an, besonders gelingen die Pianostellen, es liegen ihr sowohl die perlenden Koloraturen des ersten, wie auch die dramatischeren Momente des zweiten und dritten Aktes, hier wächst ein großes Talent heran, das allerdings an der Wortdeutlichkeit noch arbeiten könnte. Schauspielerisch erfüllt sie ihre Rolle mit großer Intensität und macht die Wandlung der Lebedame zur wahrhaftig liebenden jungen Frau sehr schön deutlich.
Ihr zu Seite ebenfalls zwei Hausdebütanten: Vladimir Chmelo gab den Giorgio Germont, spielte überzeugend und zog alle Register seines prächtigen Belcantobaritons, der erste echte Höhepunkt des Abends war zweifellos das große Duett mit Violetta im zweiten Akt. Im Gegensatz zu anderen Sängern, die in dieser Rolle auch bei den Salzburger Festspielen auftreten, machte er deutlich, dass man diese Partie auch ohne (pseudo)veristische Effekte ausdrucksstark und autoritätsvoll gestalten kann. Warum ausgerechnet er seine Cabaletta nicht singen durfte, bleibt unklar, schade, denn dieser Strich ist heutzutage philologisch äußerst fragwürdig, und pragmatisch natürlich auch, wenn solch ein Sänger zur Verfügung steht.
Als Alfredo Germont stellte sich der junge türkische Tenor Bülent Külekçi dem Grazer Publikum vor und zog viele Sympathien auf seine Seite, er erfüllt seine Rolle darstellerisch und gesanglich mit viel Leidenschaft, sein lyrischer Tenor neigt schon zur Dramatik, was dem Finale des zweiten Aktes besondere Spannung verlieh.
Die kleineren Rollen waren bei den Ensemblemitgliedern Fran Lubahn, Manuel von Senden, David McShane, Wilfried Zelinka und Konstantin Sfiris in besten Händen, als Flora Bervoix ließ Gordana Hleb aus dem Opernstudio aufhorchen.
Dirigent Peter Schrottner war (wieder einmal) zur Rettung einer Premiere kurzfristig eingesprungen, er hielt das Grazer Philharmonische Orchester zu differenziertem und ausdrucksstarkem Spiel an, möglicherweise war es doch ein gewisser Mangel an Italianità, der ihm neben viel Jubel auch durchaus vernehmbare Missfallenskundgebungen einbrachte.

Die Bühne wurde von Herbert Murauer gestaltet, beim eher karg und düster gestalteten ersten und dritten Bild kommt nicht unbedingt der Eindruck auf, es handle sich um private fröhlich-frivole Salons, sondern eher um öffentliche Etablissements; wunderschön hingegen das zweite Bild in ruhigen Pastellfarben auf dem Lande, besser gesagt am Meer – Projektion desselben auf die Leinwand – mit einem großen Boot als Hauptrequisit, man ist beinahe versucht, an Tschechov zu denken. Regisseur Dietmar Pflegerl beeindruckt wie immer mit präziser und schlüssiger Personenführung, mit dem Chor wusste er diesmal nicht allzu viel anzufangen, eine insgesamt solide, jedoch nicht mitreißende Arbeit.

Folgevorstellungen
24., 27. und 30 November
7., 9. und 26 Dezember
weiter Termine von Jänner bis April 2006

Text: Wolfgang Würdinger