Opernhaus Graz:

Offenbach - Hoffmanns Erzählungen

Nicolai - Die lustigen Weiber von Windsor

Erfolgreicher Saisonauftakt

(Graz). Auch heuer eröffnete das Grazer Opernhaus mit einer Doppelpremiere: Am Samstag (1.10.2005) stand Jacques Offenbachs fantastische Oper Hoffmanns Erzählungen in einer musikalisch sehr interessanten Fassung auf dem Programm, tags darauf folgte dann wie im Vorjahr eine deutsche Spieloper, nämlich Die lustigen Weiber von Windsor vom Begründer der Wiener Philharmoniker, Otto Nicolai, der so gerne mit seinen italienischen Opern erfolgreich gewesen wäre und ausgerechnet mit einer deutschen Oper unsterblich wurde.

Im wahrsten Sinne des Wortes aus dem Zylinder zaubert die junge Regisseurin Tatjana Gürbaca die Geschichten der drei Liebesabenteuer in Hoffmanns Erzählungen, ihr Bühnenbildner Hans Dieter Schaal entwickelt sein Konzept aus eben diesen Zylindern, die in verschiedenen Größen das Bühnenbild dominieren; die fantasievollen und nur für die drei Frauenfiguren bunten Kostüme von Michaela Mayer-Michnay machen sofort das deutlich, was auch die Regie uns zeigen will, nämlich die Brüche, die sich durch das vom Komponisten unvollendet hinterlassene Werk ziehen. Dennoch schafft es Gürbaca, einen roten Faden durch die Handlung zu ziehen: Die Muse führt im Marlene Dietrich Kostüm durch die dem Publikum als Revue präsentierte Handlung, deren Skurrilität sich von Bild zu Bild steigert.

Musikalisch hören wir eine für Graz völlig neue Fassung, die Muse wird kräftig aufgewertet, besonders der Giulietta-Akt wurde überarbeitet und sogar die übliche Fassung der „Spiegelarie“ macht einem anderen, allerdings nicht ganz so effektvollem Stück Platz. Fragwürdig hingegen scheint die sprachliche Umsetzung; dass einmal Deutsch, einmal Französisch gesungen wird, wäre ja noch plausibel, aber den Sprachwechsel innerhalb von musikalischen Nummern empfanden wir doch als eher störend.

Der französische Tenor Jean-Pierre Furlan gestaltet die Titelrolle mit größtem schauspielerischem und sängerischem Einsatz, er meistert anstandslos alle Hürden der Partie, die Stimme entfaltet besonders in der Höhe männlich-metallischen Glanz, leider bleibt er aber allzu sehr im Forte verhaftet, was einer nuancierten musikalischen Gestaltung nicht gerade förderlich ist.
Drei seiner Gegenspieler werden vom ebenfalls international erfolgreichen Bariton Philippe Rouillon mit dämonischer Ausstrahlung – wenn auch manchmal von der Regie etwas alleingelassen wirkend – und ebenso mächtiger wie vieler Schattierungen fähiger Stimme gegeben, gegen ihn bleibt Andrea Martin als Lindorf trotz seines klangschönen Baritons blass.
Als Muse stellt sich die junge Schweizerin Sophie Marilley dem Grazer Publikum vor und überzeugt durch ihre Spielfreude und ihren schönen Mezzo. Für die mit ihrem Charme bezaubernde Hyon Lee erweist sich die Olympia als Grenzpartie, die Koloraturen perlen zwar munter, aber die Intonationssicherheit könnte noch verbessert werden. Vom Publikum heftig akklamiert wurde Riki Guy als Antonia mit ihrem warmen lyrischen, in der Höhe jedoch zur Schärfe neigenden Sopran, eine eher berechnende denn leidenschaftliche Giulietta gibt Isabelle Cals mit höhensicherem Mezzosopran. Manuel von Senden bewährt sich in den Dienerrollen, weitere schöne Proben ihres Talents geben Jutta Panzenböck als Stimme der Mutter und Shavleg Macharashvili als Crespel ab.


Wie vorige Saison Der Wildschütz konnten auch Die lustigen Weiber von Windsor zur Gänze aus dem Ensemble besetzt werden. Allen voran ist Margareta Klobucar zu nennen, die mit großer Spielfreude und ihrem unbändigen Charme versprühenden lyrischen Koloratursopran eine Idealbesetzung der Frau Fluth ist. An Fran Lubahn (Frau Reich) scheint die Zeit spurlos vorübergegangen zu sein, Doris Machatsch ist eine lyrische und keine soubrettenhafte Anna Reich, was der Rolle hörbar gut tut.
Von den Herren an erster Stelle zu nennen ist wohl Marlin Miller, der die Kantilenen des Fenton mit klarem lyrischen und höhensicherem Tenor zur großen Freude des Publikum erblühen lässt und der zur Hochzeit mit viel Selbstironie im Elvis Presley Look auftritt. Den beiden biederen Bürgern Fluth und Reich verleihen David McShane und Wilfried Zelinka Profil und Stimme, und als Sir John Falstaff erobert sich Konstantin Sfiris eine weitere große Partie seines Faches, die er mit pastoser Stimme, vielen Nuancen und trotz manchmal etwas schwacher Tiefe mehr als rollendeckend interpretiert.

Die Inszenierung besorgte Michael Schilhan mit viel Ironie gegenüber dem aufs Korn zu nehmenden Spießbürgertum, alles ist auf 50-er Jahre getrimmt, schon gleich zu Beginn werken die beiden lustigen Weiber in blitzblank polierten Einbauküchen, Fenton repariert seinen Kleinstwagen, wogegen Herr Reich unentwegt seinen Straßenkreuzer poliert, der im nächsten Bild zum bürgerlichen Sofa mutiert. Der Regisseur hält geschickt die Balance zwischen ernst nehmen und ironisieren, sein Witz gleitet nie ins Übertriebene oder Lächerliche ab, zum Schluss bedauert man Falstaff beinahe und freut sich über die Lektion, welche die beiden Ehemänner abbekommen, und über das Glück des jungen Paares.
Das wandlungsfähige Bühnenbild schufen Mignon Ritter und Gerhard Mayer, die originellen Kostüme wiederum Michaela Mayer-Michnay.

In beiden Opern hat der Chor vielfältige Aufgaben zu bewältigen, der er sich mit großer Bravour entledigte, als Höhepunkt ist sicher der Mondchor in den Lustigen Weibern zu nennen.
Auch das Grazer Philharmonische Orchester spielte an beiden Abenden groß auf, bei Hoffmanns Erzählungen unter der Leitung von Wolfgang Bozic, der mit sehr zügigen, dennoch nie verhetzten Tempi durch die Partitur brauste, dem Werk aber viel von seinem französischen Charme schuldig blieb, besonders in Form zu sein scheinen die Holzbläser.
Richard Wien betonte bei seinem Dirigat der Lustigen Weiber einerseits das wienerische, andererseits das romantische Element und führte das wiederum in allen Instrumentengruppen ausgewogen und sehr sauber spielende Orchester mit viel Schwung und präziser Zeichengebung durch den Abend.

Folgevorstellungen
Hoffmanns Erzählungen:
5., 7. 10. 13. 21. und 29.10.2005
2.11.2005
3. 14. und 30.12.2005
weitere Vorstellungen von Jänner bis März

Die lustigen Weiber von Windsor:
6., 9., 12., 14. und 19.10.2005
5., 11., 20. und 25.11. 2005-10-04
2.12.2005
weitere Vorstellungen im Mai und Juni 2006

Text: Wolfgang Würdinger