| Opernhaus Graz:
Verdi - Simon Boccanegra
Weltklassebesetzung
(Graz). Zum musikalischen Großereignis geriet die letzte Premiere der laufenden Saison, Giuseppe Verdis Simon Boccanegra in Koproduktion mit dem Teatro Verdi in Triest.
Pier Giorgio Morandi, der im Februar anstelle des so tragisch früh verstorbenen Marcello Viotti die Aida-Serie an der Wiener Staatsoper sehr erfolgreich geleitet hatte, sorgte für eine adäquate musikalische Umsetzung der späten Verdipartitur, so ausgewogen in allen Instrumentengruppen und so präzise bei beinahe allen Einsätzen hörte man das Grazer Philharmonische Orchester schon lange nicht mehr, die Lyrismen wurden wunderbar herausgearbeitet, der sich ankündigende Otello hörbar gemacht, der Dirigent war auch den SängerInnen ein immer mitatmender Partner, der sie nur an ganz wenigen Stellen zudeckte, was man ihm angesichts des prächtig disponierten Orchesters nicht weiter verübeln kann.
In ihrer achten und für Graz vorläufig leider letzten Rolle präsentierte sich Publikumsliebling Tamar Iveri als Amelia Grimaldi und spielte wiederum ihre bekannten Trümpfe aus: die in allen Lagen gleichmäßig ansprechende Stimme ist sowohl der lyrischen Schattierungen der Auftrittsarie wie auch der dramatischen Ausbrüche der Ratsszene fähig, dazu kommt noch die sympathische Ausstrahlung, über die auch ihr Geliebter Gabriele Adorno, dargestellt von Evan Bowers verfügt. Nach Maurizio und Cavaradossi konnte sich der amerikanische Tenor nun auch in einer Verdirolle dem Grazer Publikum vorstellen und braucht keinen Vergleich zu scheuen, die warme tragfähige Mittellage und die strahlende Höhe verbinden sich mit durchaus persönlichem Ausdruck und intensivem Spiel zu einem abgerundeten Rollenporträt.
Besonders erfreulich ist, dass endlich der Wahlgrazer Tigran Martirossian in einer großen Rolle an der Grazer Oper auftreten konnte; als Jacopo Fiesco eroberte er sich die Herzen der ZuhörerInnen im Sturm, seine mächtige, samtig weich dahinströmende Bassstimme ist sicher geführt und verfügt auch über die hier notwendige ausladende schwarze Tiefe und ist vieler Nuancen fähig. Nicht ganz auf diesem höchsten Niveau ist die Leistung von Alexandru Agache als Titelheld einzuordnen, natürlich spielt er den Simon mit starker Persönlichkeit und väterlicher Autorität, verfügt auch über eine wohltönende und männliche Baritonstimme, ist durchaus nuancierter Gestaltung fähig, flüchtet sich aber leider viel zu oft in die Nasalität, was an manchen Stellen empfindlich störte, besonders der Beginn des dritten Aktes, wo der bereits vom Gift zerfressene Simon das Meer betrachtet, hatte darunter zu leiden. Als Paolo Albiani reüssierte David McShane gesanglich und darstellerisch bestens, sein Bariton kontrastiert sehr schön zu jenem des Titelhelden; Konstantin Sfiris gab einen profunden Pietro.
Problematisch hingegen ist die szenische Umsetzung des Stückes: Regisseur Franco Ripa di Meana schreibt im Programmheft: Die Gegenwart des Meeres ist nichts weiter als eine Fata Morgana und begeht hier unserer Meinung nach einen kapitalen Fehler: Ligurien, bzw. Genua sind mit dem Meer untrennbar verbunden und können nicht voneinander losgelöst betrachtet werden, Giuseppe Verdi, der oft in Genua zu Gast weilte, hat dies bestimmt erkannt, Herr Ripa di Meana offenbar nicht und mit der Unterdrückung des Meeres, dessen Stimmung öfters in der Musik beschrieben ist, das Stück einer ganz wesentlichen Dimension beraubt. Dafür bekommen wir die Industriearchitektur der Entstehungszeit des Werkes zu sehen (Bühnenbild von Gideon Davey), deren Düsterkeit durch die Hässlichkeit der Kostüme (Silvia Aymonino) noch verstärkt wird, wir hätten die Plebejer auch ohne ihre Verkleidung als Bergwerksarbeiter aus Zolas Germinal als solche erkannt, und welche Mäntel Verdi in den 1880er Jahren trug, ist auf Photos nachzusehen. Die seltsamen Seefahrerkostüme hätten wohl besser zu Peter Grimes oder Billy Budd gepasst als hierher. Der Regierungspalast ist durch eine weiße Wand dargestellt, Simones Zimmer grell und kalt ausgeleuchtet, ebenfalls ein Déjà-vu. Was dem Regisseur allerdings zu gute zu halten ist, er hat wenigstens die verworrene Geschichte einigermaßen plausibel erzählt.
Wegen der engen Dispositionsmöglichkeiten mit der international gefragten Sängerschar gibt es nur diese eine Aufführungsserie,
Folgevorstellungen daher nur am 8., 16, 22., 24. und 26. Juni 2005
Text: Wolfgang Würdinger
|
|