Opernhaus Graz:

Richard Strauss - Der Rosenkavalier
Umjubelte Premiere

(Graz). Die Koproduktion mit der finnischen Oper, die in Helsinki bereits vor Weihnachten mit großem Erfolg gezeigt wurde, geriet auch bei der Grazer Premiere zum Ereignis, das dem für Graz als Sensation zu wertenden Engagement des international und besonders auch in Wien erfolgreichen Regisseurs Marco Arturo Marelli, aber auch der ganzen Sängerequipe zu danken ist.

Ebenso wie Robert Carsen vorigen Sommer in Salzburg verlegt Marelli, der auch für Bühnenbild und Licht verantwortlich zeichnet, die Handlung in die Entstehungszeit der Komödie für Musik, also in die Jahre vor dem ersten Weltkrieg; im Gegensatz zu Carsen geht aber bei Marelli das Konzept hundertprozentig auf. Bereits der kleine Maskenumzug während des orchestralen Vorspiels gibt uns zu verstehen, dass wir einer wienerischen Maskerad beiwohnen werden. Über der sich gemächlich von links nach rechts bewegenden Drehbühne hängt ein großer Spiegel, in dem sich die auf dem Boden angebrachten Bilder widerspiegeln, im ersten Akt geht so die üppige barocke Allegorie der Anfangsszene während der Monologe der Marschallin und ihrer kleinen Auseinandersetzung mit Oktavian in düstere Wolken über, im dritten macht die herbstliche Stimmung über dem Abgang des Ochs und dem Terzett während des Schlussduetts frühlingshaften Farben Platz, Oktavian und Sophie legen sich auf das Bett des ersten Bildes und der kleine Mohammed serviert ihnen das Frühstück, der Kreis hat sich geschlossen. Alles bewegt sich sehr langsam, das Fließen der Zeit und damit das kontinuierliche Älterwerden werden somit wunderbar deutlich.

Sehr feinfühlig und dezent psychologisierend auch die Personenführung, perfekt austariert die Darstellung des Ochs, er ist zwar saftig-derb, aber nie gewöhnlich, er liebt es eben, mit etwas Nachdruck ans Ziel zu gelangen; nicht resignierend, sondern den Lauf der Welt realistisch und etwas distanziert betrachtend die Marschallin; jugendlich aufbrausend und doch verletzlich, zum Manne heranreifend Octavian; selbstbewusst und ihren Kopf durchsetzend Sophie. Auch die heiteren Seiten des Stücks kommen nicht zu kurz, es darf geschmunzelt und gelacht werden, besonders gelungen der Mummenschanz im dritten Akt. Eine mehr als gelungene Regie also, die den vielen Facetten des Werkes vollkommen gerecht wird, dazu kommen noch die geschmackvollen Kostüme von Dagmar Niefind.

Der Besetzungszettel weist eine lange Reihe von Rollen- und/oder Hausdebüts auf: Mit der Feldmarschallin Fürstin Werdenberg hat sich Ann Petersen eine neue Rolle erobert, mit ihrem immer mehr ins Dramatische tendierenden Sopran - in wenigen Tagen wird sie erstmals die Leonore in Fidelio geben - den sie schlackenlos und äußerst kultiviert führt, zeichnet sie ein faszinierendes Porträt der klugen, würdevollen und auch sehr herzlichen Frau, während ihrer Monologe im ersten Aufzug hätte man die bewusste Stecknadel fallen hören können, besonders berührend der Schluss des ersten Aufzuges. Stephanie Houtzeel verkörpert nach ihrem Erfolg als Komponist in Ariadne auf Naxos nun die zweite große Strauss’sche Hosenrolle und begeistert mit ihrer Spielfreude ebenso wie mit ihrem ebenmäßig durchgebildetem und durchschlagskräftigem Mezzosopran. Das exzellent aufeinander abgestimmte Damentrio vervollständigt Margareta Klobucar als strahlende Sophie.
Einen sehr fein differenzierenden und dennoch saftig-wienerischen Ochs gibt mit rundem, in allen Lagen perfekt ansprechendem Bassbariton Staatsopernsänger Wolfgang Bankl, er bleibt immer Herr und gleitet keinen Moment ins Ordinäre ab. Selbstbewusster als üblich zeichnet Geert Smits mit lyrischem Bariton den Faninal, das Intrigantenpaar Annina und Valzacchi wird eher diskret und nie überzeichnend von Manuel von Senden und der aus Albanien stammenden Altistin Etleva Shemai verkörpert. Eine besonders schöne Überraschung war die so schnelle Wiederbegegnung mit Alexandrs Antonenko, der ja vor zwei Wochen einen Triumph als Cavaradossi feiern konnte (gundl.at berichtete), in der kleinen, aber doch einen ersten Tenor erfordernden Rolle des Sängers; mit strahlender Stimme trug er als Mischung aus Teiresias und Andrea Bocelli seine Arie vor. Ausgezeichnet aus dem Ensemble besetzt auch die kleinen und kleinsten Rollen.

Die Leistung des Grazer Philharmonischen Orchesters erreichte leider nicht die Qualität der Inszenierung und der Sängerbesetzung, unter der animierenden und um Transparenz und schlanken Klang bemühten Leitung von Johannes Fritzsch spielte es zwar ziemlich sauber, aber, um nur zwei Beispiele zu nennen, mangelte es im ersten Akt doch an sinnlicher Glut und Wärme und im zweiten an silbrigem Glanz, insgesamt konnte man sich des Eindrucks einer gewissen Lieblosigkeit nicht erwehren.

Das zahlreich erschienene Publikum feierte alle am Gelingen des Abends Beteiligten mit langanhaltendem Applaus und vielen Bravorufen.


Folgevorstellungen:
16. und 18.02.2005
03., 06., 16. und 20.03.2005
17.04.2005
21.05.2005
12.06.2005

Hingewiesen sei auch auf die Lesung des Opernlibrettos mit Kräften des Grazer Schauspielhauses am 13. März im Grazer Opernhaus vor dem eisernen Vorhang.

Text: Wolfgang Würdinger