Opernhaus Graz - Saisoneröffnung:

Beethoven - Fidelio
Überholtes Regietheater


(Graz). Was vor zwanzig und mehr Jahren wichtig und notwendig war, um verkrustete Inszenierungsschemata aufzubrechen und neue Sichten auf altbekannte Stücke zu eröffnen, erweist sich zu Beginn des 21. Jahrhunderts als alter Hut; damals wurde Aufsehen erregt, das zu hitzigen Diskussionen und einer Spaltung des Publikums führte, heute führt es nur mehr zu beinahe einhelligem Unmut und, was schwerer wiegt, zu Langeweile, die permanente Überflutung mit Déjà-vus nervt sehr bald.

Dilettantin rief mein Sitznachbar der sich dem Publikum stellenden Regisseurin Vera Nemirova zu und hat ganz Recht damit, viel Neues ist der jungen Dame in der Berghaus- und Konwitschnynachfolge nicht eingefallen, Marzelline etikettiert am Fließband Pakete an die Gefangenen, die Dialoge werden in Standmikrophone gesprochen, das Gefolge Don Pizarros erweist sich als kindischer Haufen, und der Gouverneur selbst vergenusswurzelt eine seiner beiden dümmlich-blonden Sekretärinnen, was zu ersten Unmutsäußerungen von Seiten des Publikums führt. Beim Gefangenenchor wird wieder einmal der Zuschauerraum von hinten heraus mit Scheinwerferlicht ausgeleuchtet, ebenfalls keine Novität. Florestans deliriert auch nach seiner Arie munter weiter, erst die Krankenpfleger im Schlußbild können ihn wieder in die Realität zurückholen. Während des spannendsten Moments der ganzen Oper, dem Quartett im zweiten Akt, fährt der Solotrompeter für sein zweites Signal aus der Unterbühne hervor und nimmt so das letzte Quäntchen Spannung, die sich bei phantasiebegabten Zusehern noch aufgebaut haben mag, muss man denn alles ins Lächerliche ziehen, ist die Angst vor einem Funken Pathos wirklich immer noch so groß, dass selbst der kleine Dialog vor der Namenlosen Freude gestrichen werden muss? Apropos Striche: Die dritte Leonorenouverture fehlt natürlich auch, die Grazer Dramaturgie war schon bei der letzten Inszenierung auf der Kasemattenbühne der Meinung, man solle sie besser auslassen, da die Aufführung sonst zu lange dauere, diesmal erscheint der Strich logischer, da wohl niemand im Publikum nach der diesmal kaum berührenden, geschweige denn zu Atemlosigkeit führenden Kerkerszene die Verschnaufpause vor dem Finale brauchte.

Das Ganze spielt sich im besonders für die Frauenstimmen akustisch nicht günstigen Einheitsbühnenbild von Klaus Werner Noack, der auch die Kostüme ganz im Sinne der Inszenierung schuf, ab, womit wir zur musikalischen Realisierung kommen, um die es glücklicherweise besser bestellt ist als um die optische Umsetzung.

Dirigent Rainer Mühlbach hat mit dem Orchester ganz hervorragend gearbeitet, er schlägt zügige Tempi an, arbeitet auch die Kanten und Ecken der Partitur heraus - bereits die Ouverture straft das folgende erste Bild musikalisch Lügen - viele sonst vernachlässigte Details und Nebenstimmen werden schön hörbar, ohne dass das Gesamte zu kurz kommt. Nuanciert, differenziert, durchschlagskräftig und wortdeutlich der Chor (Matthias Köhler). Die herausragende und vom Publikum auch dementsprechend honorierte Leistung des Abends bot der Holländer Albert Bonnema als Florestan, er gestaltete seine Partie mit strahlend-jugendlichem Heldentenor, der vieler Schattierungen fähig ist, eine Entdeckung! Nach ihm ist sofort Egils Silins zu nennen, der in Graz die Möglichkeit zu seinem Rollendebüt als Pizarro erhielt und mit markigem Bassbariton bestens reüssierte. In den weiteren männlichen Rollen bewährten sich die Hausmitglieder Konstantin Sfiris als kultivierter Rocco, Manuel von Senden als Jaquino (welch ein David in den Meistersingern müsste er sein!) und David McShane als durchaus in die Machenschaften des Pizarro verstrickter Don Fernando. Schöne Proben ihres Talentes gaben Milen Bozhkov und Shavleg Macharashvili als Gefangene ab.

Die deutsche Sopranistin Elisabeth-Maria Wachutka debütierte in loco als Leonore mit gleichmässig durchgebildetem jugendlich-dramatischem Sopran, der die mörderische Partie keine wesentlichen Schwierigkeiten zu bereiten scheint, ans Herz zu rühren vermochte sie mit ihrem Gesang allerdings nicht. Sonia Zlatkovas schöner Sopran ist stellenweise nicht lyrisch genug für die Partie der Marzelline.

Text: Wolfgang Würdinger