Opernhaus Graz:

Otello
Philippe Jordans letzte Premiere

Es wird für das Grazer Opernhaus nicht leicht sein, wiederum einen Dirigenten vom Format des Philippe Jordan zu finden, sein Weggang wird zweifelsohne eine schwer zu schließende Lücke hinterlassen.

Auch bei Giuseppe Verdis vorletzter Oper Otello (Vorstellung 4. Februar 2004) hatte er wieder das Orchester ausgezeichnet im Griff, bemerkenswert sein Talent, das gerne zu laut auftrumpfende Blech genau zu dosieren und die Balance zwischen den einzelnen Instrumentengruppen immer perfekt zu halten. Er sorgte für einen transparenten Orchesterklang, der die lyrischen und verinnerlichten Momente betonte, aber auch vor den dramatischen Ausbrüchen nicht zurückscheute, ließ den Sängern wunderbar viel Zeit zu atmen und, was uns immer sehr beeindruckt, er hat keine Angst vor Pathos, wie so manche seiner Kollegen, wie hätte wohl die Zauberflöte unter seiner Leitung geklungen. Darüber hinaus versteht es Jordan, das Werk ganz genau in Verdis Schaffen zu positionieren, schon beim Eingangschor (ausgezeichnet wiederum der von Matthias Köhler einstudierte Chor) hören wir die Entwicklung von Don Carlo über Aida zu Otello, an vielen Stellen weist auch so manches bereits auf Falstaff hin, der Dirigent macht auch die allgemeine musikalische Entwicklung hin zu Verismo einerseits und Impressionismus andererseits deutlich hörbar.

Wie bei der letzten Produktion im Jahre 1990, als Gabriele Lechner als Desdemona das vokale Plateau dominierte, war es auch nun die Darstellerin dieser Rolle, die die beste sängerische Leistung des Abends bot: Tamar Iveri gibt Otellos Gattin als selbstbewußte junge Frau, die mit der Eifersucht ihres Mannes nicht umzugehen weiß, stimmlich überzeugt sie mit ihrem strahlenden jugendlich-dramatischen Sopran, besonders intensiv und differenziert gestaltet sie das Lied von der Weide, während des anschließenden Ave Maria hätte man die bewußte Stecknadel fallen hören können, die junge Sängerin braucht keinen Vergleich zu scheuen. Schauspielerisch und stimmlich sehr intensiv gibt Boris Statsenko mit rundem und männlich markigem Bariton Otellos Gegenspieler, mit wieviel Hass muss dieser Jago erfüllt sein! Sergey Nayda als Titelheld vermag seine Eifersucht nicht immmer glaubhaft darzustellen, sein dramatischer Tenor mit baritonaler Mittellage und sicheren Höhen spricht leider im Mezzoforte und Piano nur sehr schwer an, was einer gesanglich differenzierten Darstellung nicht immer förderlich ist, besonders im Liebesduett hätten wir uns neben der so ausdrucksvoll phrasierenden Tamar Iveri mehr Lyrismen gewünscht.

Gut besetzt die kleineren Rollen: Peter Galliard debütierte in loco als Cassio, der Schweizer Sänger ist Ensemblemitglied der Hamburgischen Staatsoper und fügte sich mit seinem hellen lyrischen Tenor sehr gut ins Grazer Ensemble ein, energisch Konstantin Sfiris als Montano, würdevoll Wilfried Zelinka als Lodovico. Roderigo und Emilia wurden gegeben von Juraj Hurny und Fran Lubahn, mit denen anläßlich ihrer 25-jährigen Hauszugehörigkeit am 28. Februar im Spiegelfoyer der Grazer Oper ein Künstlergespräch stattfinden wird.

Im Gegensatz zum vorjährigen Don Carlo konnte G.H. Seebachs Inszenierung diesmal überzeugen, Hartmut Schörghofer hat eine zum Meer gehende Terrasse auf die Bühne gestellt, Otellos Heimkehr wird im Fernsehen mitverfolgt, die Kamera ist überall live dabei, nichts entgeht ihr, besonders eindrucksvoll, wie sich Jago beim Credo selbst filmt. Der Lichtregie (Frank Sobotta) gelingen wunderschöne Effekte, die Personenführung ist sehr schlüssig, die Figur des Jago scheint den Regisseur besonders interessiert zu haben, hier gelingt das differenzierteste Rollenbild. Geschmackvoll die Kostüme von Ragna Heiny.

Nach der Zauberflöte ein weiterer durchschlagender Erfolg für das Grazer Opernhaus also, das Konzept der geschiedenen Intendantin Karen Stone scheint erst jetzt so richtig aufzugehen und vom Publikum auch erkannt und angenommen zu werden.

gundl.at Kulturredaktion: Wolfgang Würdinger
Folgevorstellungen:

11., 13., 15., 19. und 29. Februar
6., 12. und 28. März
3., 16. und 25. April