Musical Graz:

Loewe/Lerner: My Fair Lady


Erfolg garantiert
von Wolfgang Würdinger

(Graz, 11.10.2008). Es gibt so manche Leute, zu denen sich auch der Rezensent zählt, die der Meinung sind, dass My Fair Lady eigentlich nur auf Englisch aufgeführt werden sollte, denn egal ob Berlinerisch, Wienerisch oder, wie im gegenständlichen Falle Ursüdsteirisch, ganz gerecht wird man dem Original nie werden können, auch wenn zu sagen ist, dass fürs Grazer Opernhaus und dessen BesucherInnen die steirische Variante bestimmt nicht die Schlechteste ist, mehr noch, die gscherte Eliza erheiterte sehr das das Haus bis auf den letzten Platz füllende Premierenpublikum.

Frederick Loewes Dauerbrenner hat auch nach mehr als einem halben Jahrhundert nichts von seiner Faszination eingebüßt, noch dazu, wenn er so wie jetzt umgesetzt wird: Ein ebenso geschmackvolles wie praktikables Bühnenbild (Mignon Ritter), phantasievolle und farbenprächtige Kostüme (Michaela Mayer-Michnay), schmissige Tanzeinlagen des Karottenballetts, wie Müllmänner und Straßenarbeiter aufgrund der orangefärbigen Kleidung bekanntlich gerne genannt werden (Choreographie Allen Yu), und eine in der Personenführung ausgesprochen präzise Regie, die es aber auch an so manchem Augenzwinkern nicht fehlen lässt (Michael Schilhan).

Solide auch die musikalische Realisierung: Marius Burkert dirigiert schwungvoll das sauber spielende Grazer Philharmonische Orchester, stellenweise hätte man sich jedoch noch etwas mehr Drive und subtilere Sängerbegleitung gewünscht. In ausgezeichneter Form wiederum der diesmal von Georgi Mladenov einstudierte Chor, sowie das Solistenensemble: Kurt Schreibmayer ist ein köstlich grantelnder und dickköpfiger Professor Higgins, der seine Eliza ordentlich hernimmt, die von Renée Schüttengruber gegeben wird: Die junge Wienerin überzeugt sowohl als einfaches, ungebildetes, aber im Herzen doch gebildetes Mädchen wie auch nach Ihrer Wandlung zur feinen Dame, sie singt ansprechend, mit dem Tanzen hapert es noch ein wenig. Eine Paraderolle hat Gerhard Balluch im Oberst Pickering gefunden, den er mit Charme und menschlicher Wärme, sowie extremer Wortdeutlichkeit ausstattet. Heimkehrer Gerhard Ernst ist ein saftiger und bauernschlauer Alfred P. Doolittle, Martin Fournier ein Charme und tenoralen Glanz versprühender Freddy. Rollendeckend und engagiert auch das gesamte Ensemble, angeführt von Fran Lubahn und Uschi Plautz als Mrs. Pearce und Mrs. Higgins.

Text: Wolfgang Würdinger


Folgevorstellungen in wechselnden Besetzungen:

15., 18. und 30. Oktober 2008
7., 12., 21., 23. und 27. November 2008
6., 21., 28. und 31. Dezember 2008
10., 15., 21. und 27. Jänner 2009
3., 11. und 26. Februar 2009
6. und 11. März 2009
2., 18., 28. und 30. April 2009
29. Mai 2009

Überwiegend gelungene Modernisierung
von Michael Langer

(Graz, 11.10.2008). „My Fair Lady“ überrollt den Osten Österreichs. Im Frühjahr dieses Jahres – nach nur wenigen Jahren Pause – die Premiere an der Wiener Volksoper, jetzt die Grazer Produktion und nächsten Sommer eine weitere Inszenierung bei den Serafin-Festspielen in Mörbisch. Das ist gut, weil das Stück von Frederick Loewe und Alan Jay Lerner eine hinreißende, qualitativ hochwertige, altmodische Komödie ist. Das ist schlecht, weil durch die Programmierung solcher allseits bekannten Kassenschlager neue, qualitativ hochwertige Shows, jenseits von „High School Musical” (Teil 1 bis 317) und oft wenig inspirierten Jukebox-Musicals, nur schwer ihr Publikum finden.

Für den Kritiker sind parallel laufende Produktionen aber natürlich ein Segen, weil er einen unmittelbaren Vergleich ziehen kann: Die aktuelle Wiener Produktion wählte einen sehr konservativ-klassischen Zugang (und zwar ohne nennenswerte Personenregie und Choreographie) und ging damit kein Risiko ein … außer jenes, das Publikum zwischendurch zu Tode zu langweilen. Insofern muss man schon mal den Mut von Regisseur Michael Schilhan würdigen, das Stück ins Graz der Gegenwart zu verlegen. Denn da kann man dann doch schon eine ganze Menge falsch machen. Gleich vorweg die Entwarnung: Die meisten Eisberge hat er bravourös umschifft, manche kleinere in voller Fahrt gerammt, und die Produktion am Ende doch beschwingt und mit wehenden Fahnen in den sicheren Hafen gebracht. (Angesichts eines Blumenmädchens befleißige ich mich heute mal einer etwas blumigeren Sprache.)

Die Idee, Elizas Blumentandlerinnentätigkeit auf den Kaiser-Josef-Markt zu verlegen, funktioniert – nicht zuletzt wegen Mignon Ritters wunderbarem Bühnenbild in den Marktszenen – hervorragend und trifft kalkuliertermaßen den Nerv des Publikums, ist aber nicht konsequent zu Ende gedacht und scheitert im Endeffekt leider an Kleinigkeiten. Warum ist im Libretto weiterhin von „Englisch“, „London“, „Ascot“ und dergleichen die Rede, wenn hier ganz offensichtlich das Grazer Opernhaus steht und Miss Doolittle „bellt“, dass einem die Ohren wehtun? Hier wurde verabsäumt, ein stimmiges Ganzes zu schaffen.

Das Grazer Lokalkolorit wurde mit dem Opern-/Marktplatz-Bühnenbild und den entsprechenden Kostümen (Michaela Mayer-Michnay) sehr authentisch und detailgetreu eingefangen. In diesen Szenen stimmt einfach alles.
Auch Higgins‘ Salon und das Sprachlabor ist ästhetisch, zweckmäßig und vielseitig zugleich. Toll gelöst wurden damit Freddys „On The Street Where You Live“ und geradezu mustergültig die, von Lerner im Buch sträflich vernachlässigte, Ballszene. Oh, ein absolutes No-Go muss hier auch erwähnt werden: Elizas Mordfantasien an Higgins anhand eines fetten Superhelden darzustellen, ist ein peinlicher Fehlgriff und wirkt als Fremdkörper im gesamten Stück.
Ein begeistertes Bravo für den Salon von Mrs. Higgins, den die Ausstattung als phänomenal-geniales Blumeninferno auf die Bühne gebracht hat.
Dafür scheint mir Ascot ziemlich misslungen zu sein: Billige Partyzelte, absurde Pferde-Kinderfaschings-Kostüme, ebensolche Hüte und Clownschminke klassifiziere ich als Effekthascherei.

„My Fair Lady“ kann man als Musical oder als Theaterstück mit Gesang besetzen. Nachdem keinE einzigeR Hauptberuf-Musical-DarstellerIn auf der Bühne stand, gehe ich davon aus, dass zweiteres intendiert war. Das Rezept hiefür: Man nehme für alle Rollen hervorragende SchauspielerInnen, die zugleich leidlich gute SängerInnen seien. Eliza besetze man jedenfalls mit einer Frau, deren Brotberuf das Singen ist … vorzugsweise nicht das klassische. Soweit die Theorie. In der Praxis zeigt sich, dass diese Regeln nicht zum Spaß existieren:
Renée Schüttengruber hat ihre Eliza sehr detailgenau ausgearbeitet und überzeugt (mich vor allem im 1. Akt) schauspielerisch. In den Gesangspartien merkt man aber doch, dass das Vibrato einer Opern-/Operettenstimme nicht wirklich sachdienlich ist. „Tu’s doch“ geht dann, durch allzu großzügigen Einsatz desselben, auch ganz daneben.
Kurt Schreibmayer verzichtet im Wesentlichen auf Gesang und absolviert seinen Higgins hauptsächlich im Sprechgesang, was für diese Rolle absolut legitim ist. Ein bisschen phrasierter könnte er dabei natürlich zu Werke gehen um das Zuhören zu einem noch spannenderen Erlebnis zu machen. An Schreibmayers Darstellung des Henry Higgins gibt es rein gar nichts auszusetzen, sie ist höchst adäquat und kurzweilig.
Gerhard Balluchs Pickering verfügt über ein so treffliches Minenspiel, dass allein schon deswegen der Besuch einer Vorstellung angeraten werden muss. Martin Fournier zeigt als Freddy Eynsford-Hill einmal mehr, dass er auch im Musicalgenre sehr firm ist. Gerhart Ernst holt aus seiner ohnehin schon recht dankbaren Rolle des Alfred P. Doolittle das Maximum heraus, und macht – stimmlich top – seine Nummern zu den eigentlichen Showstoppern des Abends (auch wenn wir es nicht gutheißen, dass er die niederen Musikantenstadl-Instinkte des Publikums zum Vorschein bringt, welche sich im – großteils unrhythmischen – kollektiven Mitpaschen äußern). Sein steirischer Dialekt wirkt authentischer als der von Eliza.
Die weiteren Sprech- und Nebenrollen verdienen ebenfalls durchwegs Lob.

Chor (Georgi Mladenov) und Orchester (Marius Burkert am Pult) werten die Vorstellung, was ihre musikalische Qualität betrifft, enorm auf. Und zum guten Schluss noch Lob für eine weitere ganz außergewöhnlich gute Leistung: die durchdachte und pfiffige Ballettchoreographie von Allen Yu bringt derart viel Schwung in dieses gemächliche Musical, dass es einem fast den Atem verschlägt (wobei die nackten Oberkörper der Tänzer da eventuell mit ein Grund sein könnten *hüstel*).

Noch was, da die Tontechnik in Graz beim Musical immer ein gewisser Unsicherheitsfaktor ist: Die Abmischung hat gepasst (zumindest fürs Parterre Mitte), wir vernahmen allerdings an den leisen Passagen ein enervierendes hochfrequentes Pfeifen.

Der Premierenapplaus schien mir in Anbetracht der doch überwiegend gelungenen Produktion erstaunlich verhalten.

Text: Michael Langer









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