„Ich würde gerne sämtliche Frauenrollen in sämtlichen Tschechow-Stücken spielen.“

Christoph Marti alias Ursli Pfister im Interview

(Berlin, 11.09.2008). Am 30. September ist Christoph Marti alias Ursli Pfister mit seinem neuen Programm „American Dreams – Ursli Pfister singt Randy Newman“ im Grazer Orpheum zu Gast. gundl.at bat den vielseitigen Schauspieler und Entertainer vorab zum Interview.

gundl.at: Lieber Ursli, lieber Christoph – was ist denn nun die adäquatere Anrede?

Christoph Marti: Ich höre beides gern. Wenn ich privat gefragt werde sage ich natürlich: mein Name ist Christoph.

gundl.at: Ursli tritt im neuen Programm nicht so exaltiert und – most shocking – ohne zig überdimensionale Ringe auf. Kommt da diesmal, von der glitzernden Oberfläche befreit, Christoph Marti zum Vorschein? Die Erlebnisse, von denen du im Programm erzählst, scheinen ja teilweise autobiografisch zu sein.

Marti: Zu 100%, alles was ich in dem Programm erzähle ist mir damals, 1981 als Austauschschüler in Texas genau so passiert. Randy Newman kreiert in fast jedem seiner Songs eine andere Figur, einen Ich-Erzähler. Ursli zwischen diesen musikalischen Kurzgeschichten seinen Senf dazugeben zu lassen schien mir unpassend und überflüssig.

gundl.at: Werden die Zuschauer deswegen in ihren Erwartungshaltungen enttäuscht werden?

Marti: Die Gefahr besteht natürlich. Ich gehe aber ganz locker und entspannt mit meinen verschiedenen Identitäten um und habe die Erfahrung gemacht, dass dies das Publikum auch tut. Bei allem Scharfsinn und aller Tiefgründigkeit ist Randy Newman ja dann doch immer auch ein Showman. Das passt schon.

gundl.at: Du sagst, der amerikanische Traum und der amerikanische Alptraum lägen nahe beieinander. Ist diese Zweischneidigkeit etwas typisch Amerikanisches?

Marti: In ihrer Heftigkeit ist sie das vielleicht. Wie fast alles ist eben auch der Unterschied zwischen Schein und Sein in Amerika groß, größer, am größten. Ich will das gar nicht kritisieren, ich finde es nur bemerkenswert und auch irgendwie anziehend.

gundl.at: Mit Ursula West hast du eine Countrysängerin aus den Südstaaten erschaffen, die ihre Heimat doch sicher sehr liebt. Dann kommt so jemand wie Randy Newman, oder jetzt eben Ursli Pfister, des Weges und geht in seinen zynischen Texten mit diesem Land so streng ins Gericht. Wäre Frau West zutiefst erschüttert ob dieser Songs oder würde sie schon auch ihr Amerika darin erkennen?

Marti: Moment, Missverständnis. Ich meine, dass Randy Newman seine Heimat genauso liebt, er ist auf eine ungewöhnliche Art sogar extrem patriotisch. Seine Strenge kommt doch gerade daher, dass ihm das Land und seine Leute so wichtig sind. Er setzt sich ja fast ein ganzes Leben lang damit auseinander. Und zwar auf äußerst kreative und vielseitige Art, sprachlich wie musikalisch. Er stellt sich ja nicht einfach hin und sagt: Amerika? Kannste vergessen.
Aber um auf die Frage zurückzukommen: Ursula West ist ja sowieso zutiefst erschüttert, die bringt so leicht nichts mehr aus der Fassung. Ich kann mir gut vorstellen, dass sie an einigen Songs sogar großen Gefallen fände. Except of course if it comes to profanity, she can’t have that.

gundl.at: Ist Randy Newman für dich eine Neuentdeckung oder eine alte Liebe?

Marti: Eher eine alte Liebe. Meine Berliner Tante Helene ist eine alte 68erin und hat immer schon seine Platten gehört. Durch sie bin ich auf ihn gestoßen, das war Mitte der 80er Jahre. Die Idee, mit dieser Musik einen ganzen Abend zu gestalten kam allerdings erst viel später.

gundl.at: In letzter Zeit warst du oft in Frauenkleidern auf diversen Kabarett- und Musicalbühnen zugange (Hello Dolly, La Cage aux Folles, Ursula West). Hat sich diese Häufung zufällig ergeben oder war es eine bewusste Entscheidung?

Marti: Man nimmt ja was so kommt &hellips; Nein, im Ernst. Ich bin froh über diese Entwicklung. Nachdem ich als kleiner Junge gemerkt habe, dass meine Eltern jedes Mal zusammenzucken, wenn ich als Berufswunsch Stripteasetänzerin angebe, habe ich das abgemildert und gesagt: ich will Schauspielerin werden. Diesem frühen Wunsch bin ich inzwischen doch recht nahgekommen. Ich habe gar nichts dagegen, wenn es so weiter geht, für mich ist die Travestie die Königsdisziplin unter den darstellenden Künsten. Und es muss ja nicht immer Musical sein. Ich würde sehr gerne auch sämtliche Frauenrollen in sämtlichen Tschechow-Stücken spielen, nur zu.

gundl.at: Randy Newman portraitiert in seinen Songs meist Menschen, die sich selbst an den Rand der Gesellschaft stellen oder von anderen dorthin gedrängt werden. Man hört, dass es auch den Geschwistern Pfister angeblich nicht so toll geht und sie demnächst in der Suchtklinik landen könnten. Ist da was Wahres dran?

Marti: Ah, noch ein Missverständnis. Es ist wahr, dass sich die Geschwister Pfister in ihrem nächsten Programm in eine Suchtklinik haben einliefern lassen. Es ist aber eine Klinik der ganz besonderen Art, eine Mischung aus Kurzentrum, Grandhotel und geschlossener Anstalt. Und, best of all: sie gehört uns, wir leiten sie selber und sind also gleichzeitig Leitung und Patient, Arzt und Insasse. Natürlich gibt es jede Menge anderer angeschlagenen Prominente, die sehen wir aber nie, was den Vorteil hat, dass wir ungestört über sie herziehen können. Es ist ungeheuer glamourös, Fräulein Schneider macht mit uns Kreativ- Seminare, wir besitzen den Schlüssel zum Giftschrank und eigentlich kann man sagen, dass es den Geschwistern Pfister nie besser gegangen ist. Ziel des Abends ist es, dass sich am Ende sämtliche Zuschauer ebenfalls einliefern lassen wollen.

gundl.at: Abseits von Ursli Pfister, welche Rollen reizen den Schauspieler Christoph Marti für die Zukunft noch?

Marti: Alles, nur nichts von Sartre.

gundl.at: Herzlichen Dank und viel Erfolg für die weitere Tour und alle kommenden Projekte!

Marti: Ich habe zu danken.


Die Fragen stellte: Michael Langer








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