Glück fürs Lehár Festival:

Der tragische Zarewitsch

(Bad Ischl, 19.07.2008). Es steht ein Soldat am Ischl-Strand: Am Samstag, den 19. Juli hatte mit dem „Zarewitsch“ das zweite Werk des heurigen Lehár Festivals Bad Ischl Premiere im Kongress und TheaterHaus. 1927 hatte Franz Lehár das Werk seinem engen Freund, dem Tenor Richard Tauber „in die Kehle geschrieben“. Mit der dreiaktigen Operette auf ein Libretto von Béla Jenbach und Heinz Reichert erinnert das Lehár Festival an die Todestage von Lehár und Tauber, die sich 2008 zum 60. Mal jähren.

Regisseur Leonard C. Prinsloo gelingt die seltene, aber gerade bei musikalisch und thematisch anspruchvollen Werken nötige Verbindung zwischen Gesang, Schauspiel und Tanz. Sein „Zarewitsch“ basiert nicht nur auf der von Lehár autorisierten Fassung von 1937, sondern nimmt lobenswerte Rückgriffe auf die zehn Jahre ältere Berliner Uraufführung und selbst das zugrunde liegende Schauspiel der polnischen Autorin Gabryela Zapolska von 1917. Herausragend sind Prinsloos choreographisches Geschick ebenso wie sein scharfer Blick für Details. Das reicht von der alpenländischen Dialektvielfalt als Pendant zum russischen Vielvölkerstaat bis zum Schiff, das am italienischen Horizont vorüberzieht – mit seinen drei Schornsteinen erinnert es an die Titanic, die schließlich ebenfalls untergehen musste.

Aus Angst vor der weiblichen Verführungskunst konzentriert sich der Zarewitsch, Sohn des todkranken Zaren, aufs Turnen – vorzugsweise mit jungen Kameraden. Das gibt zu einigen Gerüchten Anlass. Dabei behält Prinsloo die Achtung vor seiner Hauptfigur. Er konzentriert sich in bald poetischen, bald knallbunten Bildern auf den tragischen Zwiespalt des Thronfolgers: zwischen seiner erwachenden Liebe zur Tänzerin Sonja einerseits und der Staatsräson andererseits, die eine baldige standesgemäße Heirat mit einer norddeutschen Prinzessin fordert. Die Flucht des jungen Liebespaares nach Neapel ist vergebens, denn „jeder Frühling“ hat „ach, nur einen Mai“. Intendant Dr. Michael Lakner stehen dank seiner intelligenten Talentauswahl, ach, nun ein erfolgreicher Juli und August bevor.

Tenor Reinhard Alessandri ist ein Zarewitsch voller Zerrissenheit, schauspielerisch anspruchsvoll zwischen Hamlet und dem Soldatenkönig Friedrich II. von Preußen. Mit der „Träne in der Stimme“, wie sie nur großen Sängern zueigen ist, meistert er die Partie vom publikumswirksamen Wolgalied bis zum dramatischen „Zar, opf're Dich!“ Seiner Sonja verbietet er den Vergleich mit Richard Tauber, doch dessen weiße Gala-Uniform stände ihm ebenso gut wie diese Rolle.

Die „kleine Tänzerin“ Sonja ist eine ganz große Darstellerin: Sopranistin Romana Noack galt völlig zu Recht der größte Applaus des Premierenabends. Gesanglich überzeugt sie mit einer geschmackvoll abgetönten Mittellage und klaren Spitzentönen. Schauspielerisch verfügt sie über eine darstellerische Tiefe, wie sie auf der Operettenbühne selten ist. Zur Idealbesetzung machen sie ihre tänzerischen Fähigkeiten.

Theresa Grabner als furioser Mascha und Thomas Zisterer als ihrem Mann und Leiblakaien Iwan verdankt der Abend das komische Gegengewicht zum tragischen Liebespaar. Sie sind bereits (heimlich) verheiratet und können zeigen, was gewöhnlich erst nach dem glücklichen Ende kommt: Trennung und Versöhnung, dreimal. Ihre hervorragenden stimmlichen Leistungen, ihre exakten Tanzeinlagen von Shimmy über Tango bis Charleston und nicht zuletzt ihre ansteckende Spielfreude machte sie zu den Publikumslieblingen des Abends.

„Die Bösen“, das sind der Ministerpräsident (ideal in der Balance zwischen Hinterhältigkeit und Zerstreutheit: Matthias Schuppli) und der Großfürst (Gerhard Balluch). Sie stehen für Intrigen und Staaträson, auf der Bühne des Kongress und TheaterHauses vor allem für höchste Schauspielkunst. Besonders Gerhard Balluch zieht alle Register seiner Kunst, auch in seinen weiteren Rollen: anrührend als todkranker Zar und komödiantisch brillant als liebestolle Italienerin Lina.

Das einfallsreiche und stimmige Bühnenbild von Friedrich Despalmes erweitert mit seiner zentralen schiefen Ebene die räumlichen Möglichkeiten des Kongress und TheaterHauses. In Despalmes’ gelungener Umsetzung spiegelt sich die Tragik der Handlung: Der schäfchenbewölkte Himmel bleibt blau, doch sinkt von Akt zu Akt.

In eindrucksvoller Choreografie bringt der bewegliche Chor des Lehár Festivals unter Leitung von Thomas Huber die Handlung voran. Das „Rudel vom Theater“, das Sonja im Zarenschloss besucht, kommt offenbar direkt von der Musical-Bühne, der Traum aus 1001 Nacht spielt mit Figuren des modernen Balletts. Dabei geht Bewegung keineswegs zulasten musikalischer Qualität: Der Chor singt gewohnt stimmgewaltig und tonschön. Dirigent Vinzenz Praxmarer hat sein musikalisches Gespür nicht nur bei der Zusammenstellung der musikalischen Fassung bewiesen. Unter seinem Stab spielt das Franz Lehár-Orchester in üppiger Klangfülle, doch gewohnt einfühlsam in der Begleitung der Sänger.

Die Handlung des „Zarewitsch“ zeigt, dass die Hochzeit mit einer Prinzessin nicht immer ein Happy End bedeuten muss. Keineswegs tragisch war jedoch der Ausgang dieser Premiere: Die vielen gelungenen Einzelleistungen summierten sich zu einer rundum gelungenen Aufführung – tosender Schlussapplaus und zahlreiche Bravo-Rufe.

Weitere 14 Vorstellungen bis 30. August.

Text: Kai-Uwe Garrels








Fotos: Ringhofer

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