Opernhaus Graz

Alban Berg: Wozzeck
Beklemmende Fallstudie

(Graz, 07.06.2008). Wenn die Premiere eines nicht übermäßig populären Stückes mit den ersten Spielen der EURO 2008 zusammenfällt, ist es nicht verwunderlich, dass bei der letzten Premiere der Saison so mancher Platz frei blieb – diejenigen, die dennoch gekommen sind, wurden reich belohnt, und diejenigen, die nicht gekommen sind, haben viel versäumt, jedoch noch bei weiteren fünf Vorstellungen die Gelegenheit, das Versäumte nachzuholen, was dringend empfohlen wird, denn es wird eine szenisch wie musikalisch dichte und hochkarätige Aufführung geboten.

Das Bühnenbild von Johannes Leiacker ist minimalistisch und lässt bereits die erste Beklemmung spüren: Von der Decke der schwarz ausgekleideten Bühne hängen Glühlampen, darunter die Spielfläche, eine schwenkbare Scheibe, auf der sich unter sparsamster Verwendung von Requisiten die Handlung abspielt. Dazu kontrastieren die bunten, die vielen musikalischen Verfremdungseffekte unterstreichenden Kostüme von Petra Bongard. Perfekt wie immer die Lichtregie von Reinhard Traub. Regisseur Philipp Himmelmann trumpft mit ganz präziser Personenführung auf, der philosophisch-neurotische Hauptmann, der pseudowissenschaftlich geile Doktor, der machistisch-karikaturistische Tambourmajor, Marie diesmal weniger Opfer denn Garnisonsflittchen und, last but not least, der Titelheld als von allen Gepeinigter und Gedemütigter, dem dazu seine innere Zerrissenheit schwer zu schaffen macht. Besonders beeindruckend gelingen die Schlussszenen, Wozzeck in weißem Hemd und schwarzer Hose hält die tote Marie in ihrem roten Kleid im Arm; als die Kinder dem Jungen von Marie und Wozzeck die Todesnachricht überbringen, sind sie so kostümiert wir die Hauptdarsteller, es wird also immer Peiniger und Gepeinigte geben.
Dieses Konzept heißt es auch umzusetzen, und das tut eine ganze Schar von hervorragenden Singschauspielern, allen voran der Titelheld in der Gestalt von Martin Winkler: neben seinem intensiven Spiel beweist er mit seinem opulenten Bariton auch, dass man den Wozzeck wirklich schön singen kann. Obwohl angesagt, bot Nicola Beller Carbone als Marie eine schauspielerisch und gesanglich grandiose Leistung, ihr ins Dramatische tendierender Sopran hat den nötigen Umfang, nie werden die Höhen schrill. Paul Lyon (Tambourmajor) hat den Macho auch in der Stimme, dazu kommen allesamt vokal untadelig die Ensemblemitglieder Manuel von Senden (Hauptmann), Wilfried Zelinka (Doktor) und Martin Fournier (Andres).
Nicht möglich wäre eine derartige Aufführung aber ohne das Orchesterfundament, geliefert vom Grazer Philharmonischen Orchester unter Dirk Kaftan, welches eine der besten Leistungen der Saison abliefert: Kaftan schlägt eher langsame Tempi an, ohne jedoch auch nur einen Moment lang an Spannung nachzulassen, das Orchester folgt ihm willig und engagiert mit größter Präzision, Transparenz und Klangkultur, die Umsetzung der so schwierigen Partitur gelingt beinahe makellos.

Großer Jubel, und es sei nochmals gesagt: Nicht versäumen!!


Folgevorstellungen:
11., 13., 18., 21. und 26. Juni

Text: Wolfgang Würdinger








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