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Opernhaus Graz Donizetti: Lucia di Lammermoor (Graz, 29.03.2008). Dem Ruf, der dem jungen französischen Sänger Jean-François Borras aus seiner Heimat vorauseilte, wurde er mehr als gerecht, und so hörten wir nicht nur eine wunderschöne, in allen Lagen gleichmäßig ansprechende, vom Piano bis zum Fortissimo perfekt projizierte lyrische Tenorstimme, die mühelos in die höchsten Lagen emporsteigt, sondern auch einen Sänger, der bereits in so jungen Jahren über eine erstaunliche Ausdruckspalette, ganz in Sinne der klassischen Belcantoschule, verfügt. So war er auch der Einzige, der nie forcieren musste, um über das groß besetzte Orchester drüberzusingen, jede Phrase beginnt mit seidenweichem Tonansatz, die Vokalqualität stimmt immer; im dramatischen Finale des zweiten Aktes versagte er sich jeden veristischen Effekt, kam nie aus der Maske heraus und machte mit rein belcantistischen Mitteln auch hier großen Eindruck. Der Höhepunkt des Abends waren dann seine große Arie im dritten Akt (einschließlich Rezitativ, das auch als solches gestaltet wurde) und die anschließende Sterbeszene, in denen er nochmals höchst eindrucksvoll seine Pianokultur und seine Fähigkeit zu nuancieren ebenso unter Beweis stellte wie die strahlenden Spitzentöne. Diese Leistung wurde auch vom Publikum gewürdigt, und so bekam er mehr Applaus und Bravos als die Sängerin der Titelpartie, Valeria Esposito: Am besten gelang die Wahnsinnsszene, diesmal mit Glasharmonika- und Flötenbegleitung, die Spitzentöne sitzen treffsicher, die Koloraturen und Fiorituren gelingen makellos, aber es fehlt am dramatischen Impetus, an der psychologischen Durchdringung des Textes einhergehend mit der entsprechenden Stimmfäbung, dazu kommen, vor allem im ersten und zweiten Akt, viele harte Tonansätze und eine kaum tragfähige Tiefe und Mittellage, somit eine für uns eher ungleichmäßige und inkomplette Leistung. Leider begeht Javier Franco mit im Prinzip schöner Baritonstimme als Enrico den selben Fehler wie viele seiner Rollenvorgänger: Obwohl er ein Bösewicht ist, handelt es sich um eine Belcantorolle, die auch so gesungen gehört, die Stimme sollte fließen und strömen, da brauchte es kein oft künstlich abgedunkeltes Brunnenvergiftertimbre. Als mit rundem Bass schön orgelnder Raimondo stellte sich Luciano Batinić in Graz vor und errang einen großen persönlichen Erfolg. Den durfte auch Dirk Kaftan mit dem nicht nur groß besetzten, sondern auch groß aufspielenden Grazer Philharmonischen Orchester für sich verbuchen: Er verlieh der Aufführung Schwung und Drive, ließ die lyrischen Stellen erblühen, heizte die dramatischen ordentlich an und animierte das Orchester zu sauberem und differenziertem Spiel. Ezio Toffolutti besorgte in Personalunion Inszenierung, Bühnenbilder, Kostüme und Licht: Was soll man dazu sagen? Einigermaßen geschmackvolle, aber meist langweilige und nichtssagende Arrangements der handelnden, in Gestik und Mimik eher alleingelassenen SängerInnen, was nicht nur einmal für unfreiwillige Komik sorgte, in eher weniger geschmackvollen Kostümen und vorwiegend hässlichen Bühnenbildern, ein paar hübsch beleuchtete schottische Impressionen helfen da auch nichts mehr.
Text: Wolfgang Würdinger |
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