Schauspielhaus Graz | Probebühne

Ewald Palmetshofer:
Wohnen. Unter Glas
Ode an die Hirnwichserei

(Graz, 19.03.2008). Was passiert, wenn man drei 20-Jährige, politisch schick links denkende, heterosexuelle Menschen verschiedenen Geschlechts in einer WG zusammensperrt – und vor allem: Was wird aus ihnen geworden sein, wenn sie 30 sind?

Das Worst-Case-Szenario, welches dieser Grundsituation entspringt, kann man sich auf der Probebühne im Schauspielhaus plastisch vor Augen führen lassen. Auf einer kahlen Treppenbühne stolpern die handelnden Charaktere Babsi, Jeani und Max beim Wiedersehen nach mehreren Jahren verstört umher und versuchen, dort anzuknüpfen, wo sie damals im beziehungsmäßigen Durcheinander steckengeblieben waren: Durch Bindungsängste verhinderte Beziehungen, Substitutionsbefriedigung durch „Produktnutten“, unerfüllte Sehnsüchte und Sex ohne Orgasmen.

Jeder beteuert, wie sehr er sich doch weiterentwickelt hat, aber trotzdem schafft es keiner von ihnen, auch nur einen Satz vernünftig zu Ende zu führen. Die grauen Erinnerungsfetzen von gestern vermischen sich mit düsteren Visionsahnungen von morgen und finden ihren Ausdruck in einer fragmentarischen, stakkatohaften Sprachstruktur, die keinen einzigen grammatikalisch korrekten Satz über die Lippen der handelnden Figuren kommen lässt. Als Symbol für die Kommunikationsschwäche der Figuren finden längere Konversationen monologhaft mit dem Publikum statt, das sich wie ein guter Freund die unendlich uninteressanten Problemchen nickend anhören muss.

Genauso anstrengend, wie sich das hier liest, ist es auch beim Zuhören. Das Publikum wartet sehnsüchtig, aber vergeblich darauf, dass sich die Knoten in den Kehlen der Protagonisten lösen und endlich Klartext gesprochen wird. Aber alle sind in den selbstdiagnostizierten „potenzierenden Possibilitäten“ gefangen und stoßen immer wieder an den Plafond der Reälität – eben an eine Decke aus undurchdringlichem Glas. Und genauso unbefriedigend wie die nicht stattgehabte Entwicklung erscheint auch der Rückblick auf glückliche WG-Tage, der auf die Videowand hinter der Bühne projiziert wird. Und Ende ...

Die schauspielerischen Leistungen beeindrucken ausnahmslos, wenn ich auch mit Wehmut feststellen musste, dass das auf Österreichs Bühnen vormals obligatorische Burgtheaterdeutsch wohl im Aussterben begriffen ist.

Das Stück selbst hat zwar unterhalten, aber nicht wirklich gerührt. Es ist eher eine komödienhafte Ode an die kollektive Hirnwichserei und ihre Folgen – mehr eine gut gemachte Stand-Up-Comedy, als ein Theaterstück. Jedenfalls ein Must für alle WG-Willigen als Anschauungsbeispiel, wie man es nicht machen sollte.

Besetzung:
Babsi: Jaschka Lemmert
Jeani: Ninja Reichert
Max: Markus Schneider

Regie: Hanna Rudolph
Bühne: Markus Boxler
Kostüme: Markus Boxler, Barbara Häusl
Dramaturgie: Andreas Karlaganis
Regieassistenz: Daniela Riepe
Souflage: Nina Schepf


Folgevorstellungen:
25. und 31. März
4., 8., 10. und 26. April
jeweils 20 Uhr

Text: Walter Rudich









Fotos: Peter Manninger

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