Heftig akklamierte Weihnachtspremiere von Wolfgang Würdinger
(Graz, 15.12.2007). Ein volles Haus, ein begeistertes Publikum, bis Ende Februar beinahe ausgebuchte Vorstellungen, Intendantenherz, was begehrst du mehr?
Die mit Spannung erwartete Aufführung von Alain Boublils und Claude-Michel Schönbergs Erfolgsmusical Les Misérables nach Victors Hugos sozialkritischem Roman des gleichen Titels geriet zu einem wahren Triumph für die Grazer Oper: Musicalspezialist John Owen Edwards dirigiert das Grazer Philharmonische Orchester mit viel Verve und Einfühlungsvermögen, hilft den SängerInnen über so manche Klippe hinweg und inspiriert auch den Chor zu einer hervorragenden Leistung. Daniel Prohaska gelingt ein facettenreiches Porträt des doch gar nicht so bösen Jean Valjean, einen ihm ebenbürtigen Widersacher Javert gibt Erwin Windegger mit ebenfalls großem schauspielerischem Talent und sonorem Bariton. Ein wunderbar schleimiges Ehepaar Thénardier sind Dagmar Hellberg und Harald Hofbauer; Carin Filipčić und Ina Trabesinger berühren als die in der Gosse endende Fantine und die unglücklich liebende Eponine. Martina Dorothea Rumpf und Jesper Tydén verkörpern mit viel Charme das Liebespaar Cosette und Marius. Eine besondere Erwähnung verdienen Magdalena Hammer als junge Cosette, sowie Lorenz Rafolt als rotzfrecher und brillant sprechender und singender Gavroche.
Regisseur Josef Ernst Köpplinger inszeniert die sich über Jahrzehnte erstreckende Handlung auf der von Bühnenbildner Rainer Sinell eher sparsam ausgestatteten Drehbühne mit viel Schwung, sowie exakter und wunderbar differenzierter Personenführung bis hin zum letzten Statisten, gewisse Längen des musikalisch nicht übermäßig ergiebigen Stückes (Cats, Elisabeth oder Phantom der Oper, schauts oba) kann er jedoch nicht hinwegzaubern; besonders eindruckvoll gelingen die Revolutionsszenen. Heidrun Schmelzer schuf die typengerechten und phantasievollen Kostüme.
Text: Wolfgang Würdinger
Folgevorstellungen:
22., 26., 27. und 28. Dezember
10., 12., 13. und 31. Jänner
13., 16., 26. und 27. Februar
8., 9., 22. und 23. März 3., 5., 12., 13. und 20. April
9., 10, 11., 23, und 29. Mai
8., 15., 22. und 28. Juni
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Weltklasse
von Michael Langer
(Graz, 15.12.2007). Mit Claude-Michel Schönbergs und Alain Boublils (Heinz Rudolf Kunze sollte ob seiner höchst gelungenen Übersetzung auch erwähnt werden) Les Misérables hat man sich heuer in Graz für den Kampfbomber unter den Musicals entschieden: knappe drei Stunden Not und Elend. Ende gut, alle tot … oder so ähnlich. Trotzdem (oder gerade deswegen) kann man nach der Premiere sagen: ein durch und durch beglückendes Ereignis!
Josef Ernst Köpplinger inszeniert gemeinsam mit Ricard Regina Ludigkeit einmal mehr relativ nahe am Original, setzt aber vor allem in der Personenführung einige neue Akzente. Rainer Sinell (Bühnenbild) und Heidrun Schmelzer (Kostüme) sorgten für eine authentische und opulente Ausstattung und haben den Theaterwerkstätten mit Sicherheit ganz ordentlich Überstunden beschert welche sich wirklich bezahlt machen.
Daniel Prohaska liefert in der anspruchsvollen Rolle des Jean Valjean seine bislang beste schauspielerische Leistung in Graz ab und überzeugt, abgesehen von kleineren Schwierigkeiten in den Höhen im ersten Akt, auch gesanglich. Seinen Gegenspieler Javert legt Erwin Windegger als schneidend scharfen Widerling von Gottes Gnaden an (fast hat man das Gefühl, die Schüssel-ÖVP stünde geschlossen vor einem). Stimmlich führt er, gemeinsam mit Carin Filipčić, die ein berührendes Portrait einer zerbrechlichen Fantine zeichnet, den Cast, der insgesamt durch schauspielerische und gesangliche Höchstleistungen glänzt, an.
Martina Dorothea Rumpfs Cosette haftet ein bisschen die Aura einer Traumtänzerin an, während Ina Trabesingers Eponine ungewohnt gefasst und abgeklärt wirkt, was blendend funktioniert. Jesper Tydén erfüllt Marius mit Leben und Stimme, dass es eine Freude ist und auch Otto Jaus als Enjolras verkörpert den revolutionierender Student im Frankreich der 1830er Jahre vorbildlich. Die Thénadiers sind hier nicht so extrem comichaft überzeichnet wie in manch anderer Produktion. Auch werden ihre Nummern nicht einfach zur Auflockerung der düsteren Handlung ge- bzw. missbraucht. Im Vordergrund steht bei jedem Satz und jeder Geste ihre Skrupellosigkeit. Harald Hofbauer spielt wunderbar und könnte durchaus auch im ersten Akt so akzentuiert singen, wie er es im zweiten getan hat und darüber, dass Dagmar Hellberg die Idealbesetzung für Mme Thénardier ist, braucht man sowieso kein Wort zu verlieren.
Wohl noch ein Wort über Lorenz Rafolt als Gavroche, der sich die Rolle beeindruckend zu Eigen macht. Ein herrlich verschmitzter Naseweis erwartet das Publikum. Magdalena Hammers kleiner Cosette steht ihre Zaghaftigkeit recht gut zu Gesicht; textsicherer sollte sie freilich doch noch werden, aber diese Bitte muss man auch an einige ihrer erwachsenen KollegInnen richten.
John Owen Edwards am Dirigentenpult hat das Orchester fest in der Hand und wählt durchwegs schnelle Tempi die Schönbergs Musik sehr zuträglich sind. Leider hält er diese Tempi auch in den Solonummern eisern ein und nimmt damit den SängerInnen einen Teil ihrer musikalischen Gestaltungsmöglichkleiten.
Erfreulicherweise nimmt die Tontechnik umso mehr Rücksicht auf die SängerInnen (was beim Musical in Graz nicht immer der Fall war) und so sind selbst die Ensemblenummern immer mustergültig wortdeutlich. An der Abmischung könnte man vielleicht noch ein bisschen arbeiten.
Lob und Tadel für die Bühnentechnik: Bei derart exzessivem Einsatz der Maschinerie verzeiht man kleine Patzer gerne, und auch das wird sich noch einspielen. Das meiste funktioniert eh schon wie am Schnürchen. Doch wurden bei der Premiere Ina Trabesinger und Jesper Tydén, deren Zusammenspiel bei Eponines Tod gar nicht hoch genug gewürdigt werden kann, just in dieser Szene durch eine Panne sabotiert: Der Regen, den die beiden besingen, klatschte kübelweise mal hier, mal dort aus dem Schnürboden und einer der berührendsten Momente des Stückes ging im allgemeinen Gelächter unter.
Standing Ovations und frenetischer Jubel bei der Premiere. Meine Damen und Herren: wenn die Kinderkrankheiten beseitigt sein werden, haben wir es hier mit einer Produktion von Weltklasse zu tun!
Text: Michael Langer
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