Schauspielhaus Graz | Hauptbühne

Nestroy: Der Zerrissene
Gestrandet zwischen Posse und Märchen

(Graz, 7.12.2007). 1844 schrieb Johann Nestroy seine Posse über den armen reichen Herrn von Lips, der trotz – oder eher sogar wegen – seines vielen Geldes nichts Rechtes mit seinem Leben anzufangen weiß. Leichtfertig wünscht er alles zum Teufel und versucht, der Langweile und Sinnlosigkeit seines Daseins durch eine unmotivierte Heirat mit der Nächstbesten zu entfliehen. Als er jedoch im Zuge der durch die geplante Heirat entstehenden Verwicklungen unter Mordverdacht stehend fliehen muss und gezwungen ist, als mittelloser Hilfsarbeiter bei einem seiner Pächter seinen Unterhalt zu verdienen, wird sein Weltbild um einige Facetten reicher. Seine besten Freunde entpuppen sich als Erbschleicher, sein Pächter behandelt ihn wie den letzten Dreck und von allen Gästen, die er während der letzten Jahre durchgefüttert hat, spricht keiner ein gutes Wort über ihn. Zum Glück gibt es eine gute Seele, die zu ihm hält – und am Ende wird nach neuerlichen Verwicklungen und nicht enden wollendem Gekreische wieder alles gut.

Eigentlich handelt es sich dabei um einen immer aktuellen Stoff, der ohne Weiteres auch eine gute Screwball-Comedy im guten alten Hollywood-Stil hergeben würde. Leider sind sich weder Dramaturgie noch Musik einig, wie das Stück letztendlich umgesetzt werden sollte. So wechseln sich aus dem 19. Jahrhundert stammende Dialoge äußerst unharmonisch mit etwas verstaubten Werbesprüchen (Oh – it’s a ...) ab. Nicht wirklich überzeugen konnten die modernisierten Couplets, welche im Stil der 1980er Jahre Fendrich, Falco und Ambros mehr schlecht als recht imitieren. Auch wenn Nestroy selbst eher auf Sprechgesang setzte, so verleiten die stimmlichen Qualitäten der Schauspieler – im Gegensatz zu ihren übrigen Leistungen – zum fluchtartigen Verlassen der Stätte des musikalischen Grauens. Da ist auf mancher Karaokebühne Ansprechenderes zu hören. Gefallen hat der Umstand, dass die Musiker nicht im Orchestergraben ihr Dasein fristen mussten, sondern auf der Bühne im Geschehen mitmischten.

Alles in allem schien die Inszenierung zwischen alt und neu stecken geblieben zu sein, ohne aus dem Kontrast der Jahrhunderte sinnvolle Spannung erzeugen zu können. So kann auch die vom Publikum mit Wohlwollen aufgenommene Transformation des Gastwirtes Krautkopf in einen bewusst plumpen Hansi Hinterseer-Verschnitt nicht mehr als einen kurzzeitigen Lacher bewirken. Am meisten störte uns jedoch, dass die Auflösung der Konflikte und die dadurch eintretende Läuterung des Herrn von Lips im klamottenhaften Gegackere der Schlussszene vollkommen unterging.

Beim Bühnenbild waren sich die Autoren nicht einig.

Walter: Das Bühnenbild glänzte durch vollkommene Abwesenheit. Der immer präsente Schaum, in dem die Figuren herumrutschten, mag zwar bei wohlwollender Betrachtung als Stilmittel für die Vergänglichkeit des Lebens gesehen werden, aber wirklich zu begeistern vermochte mich dieser Einfall nicht. Und die Almhütte mit lieblos hingeworfenem Alpenpanorama als Hintergrund im zweiten Akt versprühte den Esprit eines halben Löwinger-Stadels.

Anna: Das Bühnenbild war nicht das typische Bühnenbild, da es sehr einfach gehalten war. Im ersten Teil wurde durch bunte Lampen ein Discoraum nachgestaltet, was allerdings mehr oder minder egal war, da sich die Haupthandlung ohnehin vor dem roten Hauptvorhang abspielte. Im zweiten Teil wurde das Bühnenbild an die Rolle des Hansi Hinterseer angepasst, mit einer Almhütte im Schnee, der durch Schaum ersetzt wurde. Jedenfalls war die Bühne die ganze Zeit mit Schaum überzogen und eher comicartig gestaltet, was, meiner Meinung nach, dem Ernst den Wind aus den Segeln nehmen sollte, ist das ganze doch eine Komödie und irreal, eher wie in einem Märchen.

Die Inszenierung konnte leider nicht überzeugen. Der Stoff verkam – halb zwischen Posse und Märchen gestrandet – zu einer bedeutungslosen Klamotte. Daran konnten auch die ansprechenden schauspielerischen Leistungen leider nichts ändern.

Herr von Lips: Max Mayer
Schleimer: Thomas Frank
Wixer: Felix Krauss
Madame Schleyer: Susanne Weber
Gluthammer: Franz Josef Strohmeier
Krautkopf: Franz Solar
Kathi: Sophie Hottinger
Justitiarius/Diener: Daniel Doujenis

Regie: Christine Eder
Bühne: Monika Rovan
Kostüme: Annelies Vanlaere
Musik: Philip Huemer, Daniel Steiner
Dramaturgie: Sandra Küpper


Folgevorstellungen:
15., 16., 20., 27., 30. und 31. Dezember
8., 9., 12., 18., 23. und 31. Jänner

Text: Anna Kraus, Walter Rudich











Fotos: Peter Manninger

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