Next Liberty

Die kleine Meerjungfrau
Hans Christian Andersen mal anders

(Graz, 04.11.2007). Nach dem kleinen Muck, dem letzten Einhorn und dem Steirer Jockl nimmt das Mariagrüner Kindertheater seine Gäste frei nach Hans Christian Andersen nun mit auf einen Tauchgang in die Unterwasserwelt, wo die kleine Meerjungfrau Karollina Flottadora Parzifika Marina Chlorophylladria Hydrica (kurz Lina) ihrem Vater den letzten Nerv raubt. Die Latte für das Unterwasserspektakel lag hoch - war doch das "Letzte Einhorn" während der gesamten Spieldauer ausverkauft! Es war somit nicht verwunderlich, dass seit circa vier Wochen keine Premierenkarten mehr zu ergattern waren.

Vor den Augen der geneigten ZuschauerInnen schwänzelten Rochen, Oktopusse, Quallen, Seepferdchen, Schildkröten und allerlei anderes Meeresgetier über die Bühne – hervorzuheben sei die HAI-Society, bestehend aus HAIko und HAIno. Die Kostüme (Anna Prattes und Angela Eisenköck) waren dermaßen kreativ und witzig umgesetzt, dass die Nixen in diesem bunten Getümmel fast farblos wirkten.

Im Vergleich zu den Kostümen kommt das Bühnenbild (Bernhard Bauer) ziemlich mager und steril rüber. Etwas weniger Symmetrie und lebendigere Farbgestaltung hätten dem Ganzen mehr Leben eingehaucht.

Etwas hölzern wirkten auch die schauspielerischen Leistungen von König Aquarius (Bernhard Schmidt) und dem Traumprinzen Laurin (Anton Tauschmann), was jedoch von einer umwerfend bösen Meerhexe „Madame Schabraque“ (Elisabeth Lemes) und erfrischend unbefangen agierenden jugendlichen SchauspielerInnen wettgemacht wurde. Es machte richtig Spaß, den Kindern zuzusehen, wie sie zwar hoch konzentriert, aber mit glänzenden Augen und Feuereifer, das Märchen zum Leben erweckten. Stimmlich sehr interessant war Magdalena Moser in der Titelrolle.

Der Bogen der Musiknummern – zwar nicht konsequent durchkomponiert, aber dennoch harmonisch – spannte sich von Rock ’n’ Roll über Hip-Hop bis zu Reggae und Salsa, welcher die Handlung und die Charaktere treffend unterstützte und mit witzigen und ideenreichen Texten sehr gut unterhielt. (Musik: Gregor Schenker, Text: Gerda Seebacher)

Der Originalstoff hat durch die Umsetzung in Musicalform etliche neue Facetten erhalten. So mussten sich die unumstößlichen Ideale von Tradition und Gesetzestreue dem neu eingefügten Handlungselement der Freundschaft und Hilfsbereitschaft unterordnen. Der kleinen Meerjungfrau bleibt der einsame Tod erspart und auch der Prinz muss nicht die Falsche heiraten. Die Handlung orientiert sich stark an Disneys Zeichentrickvariante, vermag aber mit einem überraschenden und im Sinne der Gleichberechtigung höchst erfreulichen Ende zu überzeugen. Wenn auch nicht alle Gags und Pointen nagelneu sind – das hiphoppende Haifischduo erinnert stark an „Findet Nemo“ – so ist es dem ausschließlich aus Laien bestehenden Mariagrüner Kindertheater durchaus gelungen, eine sehr zeit- und zielgruppengerechte Interpretation von Andersens Märchen zu inszenieren. Und eigentlich ist diese moderne Version viel schöner und lehrreicher als das Original.

Sollte die Aufführung auch nur ähnlich starken Anklang finden wie die vorhergegangenen Produktionen, so werden wohl Intendanz von Schauspielhaus und Oper den einen oder anderen neidischen Blick auf die mit Stöpseln vollen Ränge des Next Liberty werfen. Allerdings sei die Aufführung auch musicalbegeisterten großen Kindern ans Herz gelegt.


Folgevorstellungen:
13. und 21. November
12., 22., und 23. Dezember
8., 17. und 23. Jänner 2008
7. Februar 2008
13. März 2008
22. April 2008
15., 21., und 30. Mai 2008

Wiederaufnahme im Herbst 2008:
Fr 10., Sa 11. und Fr 24. Oktober
Sa 08., Di 18. und Mi 26. November
(zu verschiedenen Uhrzeiten, siehe auch www.kleinemeerjungfrau.at)

Text: Walter Rudich, Anna Kraus








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