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Schauspielhaus Graz | Probebühne Wolf Haas: Das Wetter vor 15 Jahren (Graz, 12.10.2007). Vor der ausverkauftem Probebühne versuchte sich ein junges Team an der schwierigen Aufgabe, einen aus direkter Rede nur zweier handelnder Figuren bestehenden Roman szenisch umzusetzen. Die viel gelobte und noch vor seinem Erscheinen mit dem Wilhelm Raabe Literaturpreis geadelte Romanvorlage besteht nämlich aus einem fiktiven Interview, in welchem ein halbfiktiver österreichischer Autor, nämlich Wolf Haas, mit der weiblichen Journalistin einer deutschen Zeitung (lediglich „Literaturbeilage“ genannt) über sein neuestes Werk plaudert. Dieser statischen Grundhandlung entspringt ein vielschichtiger Diskurs über Liebe, Neurosen, unsere Medienwelt, die immer aktuelle Mann-Frau-Kiste und nicht zuletzt den liebevoll gepflegten aber auch an bösen Seitenhieben reichen Piefke-Össi-Konflikt. Nur bruchstückhaft und zeitlich ungeordnet sprechen Autor und Journalistin über den Inhalt des Buches, sodass der Leser gezwungen ist, sich die Handlung mühsam, aber lustvoll spannend zusammenzupuzzeln. Und eigentlich dient die deutsch-österreichische Lovestory auch nur als Aufhänger, denn an sich betrachtet ist der Plot so abgrundtief kitschig, dass selbst Rosamunde Pilcher sich in Grauen abwenden würde. Keine leichten Voraussetzungen also, diesen Stoff in ein Theaterstück zu gießen. Um das Ende vorwegzunehmen: Das heikle Experiment ist bedingt geglückt. Die zerrissene Szenenfolge des Buches wird geglättet, aber durch flotten Rollenwechsel der Schauspieler wieder aufgeraut. Wie Blitze mischen sich kurze Interviewszenen zwischen Autor und „Literaturbeilage“ (die leider diesen Namen verloren hat) unter die sich vor dem Zuseher ausbreitende Liebesgeschichte. Das die Handlung erzählende Interview findet außerdem Eingang in die Texte der Schauspieler, welche stetig kommentieren, wenn sie nicht gerade die eine oder andere Rolle verkörpern. Die Umsetzung der innovativen Erzählweise findet Unterstützung im kahlen Bühnenbild weniger ist mehr wenn die Krankenbahre flugs zum schwülen Auto ohne Klimaanlage mutiert oder ein schmuckloses Bühnengerüst einmal ein Sprungbrett am Badeteich, dann ein Fitnessstudio und schließlich einen eingestürzten Schmugglerstollen geben muss. Wortkreationen wie der „Silbersternchenorgasmus“ oder der „Wetternormalverbraucher“ finden sich glücklicherweise ebenso wieder wie auch die Hinweise auf die tiefgründige Mehrdeutigkeit des Titels. Denn eigentlich war „das Wetter vor 15 Jahren“ ein alpines Gewitter, in welchem die Protagonisten der Liebesgeschichte im jugendlichen Alter Schutz in einem Schmugglerversteck suchend zusammenfanden und dadurch ungewollt den Tod eines Elternteiles verursachten. Leider führte diese Katastrophe noch vor dem ersten Kuss auch wieder zur Trennung. Und schließlich sind die „schlagenden Wetter“ entzündliche Gase unter Tage, die den Tod vieler Bergleute verursachten auch das ist Thema und Teil des Lebens unserer Helden. Beeindruckend ist die schauspielerische Leistung der Darsteller (Judith Bohle, Andrea Bröderbauer (bitte iss was, Andrea!), Ionut Chiriak, Michael Großschädl und Istvan Vincze) allesamt Schauspielschüler des dritten Jahrgangs. Sie schaffen es, der sich durch die szenische Umsetzung in den Vordergrund drängenden Liebesgeschichte ihre schnulzenhafte Anmutung zu nehmen, indem sie überzeugend, aber sehr humorvoll mit den Charakteren umgehen. Leider hinken ihre Sprachfärbungen der Romanvorlage nach, welche zuweilen lautschrifthaft mit den Ausspracheunterschieden zwischen deutschem und österreichisch-bayrischem Sprachraum spielt. Da hätte ich mir eine viel stärkere Akzentuierung gewünscht schließlich ist das ja ein Kernthema, welches über die eigentlich nur beiläufig erzählte Liebesgeschichte hinausgeht und die Handlungsebenen zusammenhält. Verloren gegangen ist leider auch der strenge Interviewcharakter der Vorlage, der nur am Rande durchscheint und zum gut umgesetzten abrupten Ende wieder aufflackert, als sich der Autor und die „Literaturbeilage“ plötzlich duzen und den Reigen der Leidenschaften mit einem Kuss schließen oder von Neuem beginnen. Leider hat auch die Luftmatratze, welche die Luft aus den Autoreifen saugt, nur eine Statistenrolle bekommen ... aber dafür darf sich der geneigte Zuseher an einer gesanglichen Darbietung von „Satellite of Love“ erfreuen, in welcher Wildschwein, Hubertushirsch und Braunbär den Backgroundchor summen ... und beim Gastauftritt von Thomas Gottschalk wird man mittels Spicktafeln aufgefordert, zu applaudieren und Spannung zu erzeugen. Das macht Spaß! Alles in allem eine schwungvolle Inszenierung (Dramaturgie: Susanne Pirker, Regie: Sandra Schüddekopf), welche die Probebühne perfekt ausfüllt. Von der eigentlichen Handlung will ich nicht allzu viel verraten aber eines ist sicher: Das Wetter ist vielschichtiger, als man meinen möchte.
Text: Walter Rudich |
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