Opernhaus Graz:

Kienzl: Der Evangelimann


Erfolg trotz dürftiger Handlung
von Ulrich Braunegg

(Graz, 29.04.2007). Martha, die Nichte des Justiziars im Kloster von St. Othmar, liebt den armen Schreiber Mathias und hat mit ihm eine heimliche Affäre. Doch als ihr Onkel und Vormund, Friedrich Engel, dies von Mathias’ Bruder Joachim  erfährt, verbietet er den beiden jeglichen Umgang miteinander. Mathias lehnt sich dagegen auf und wird deshalb von Friedrich entlassen und aus dem Kloster verbannt. Während die Dorfleute, allen voran Hans, ein Bauernbursche, sich über den Schneider Zitterbart lustig machen, bittet Mathias Magdalena, Marthas Freundin, Martha dazu zu bringen, sich noch einmal heimlich mit ihm zu treffen. Joachim, den Martha zuvor zurückgewiesen hat, belauscht dieses Treffen und legt ein Feuer im Kloster für welches Mathias angeklagt und zu zwanzig Jahren Kerkerhaft verurteilt wird.
Nach den zwanzig Jahren zieht Mathias als bettelnder Evangelienerzähler – als Evangelimann – durch die Lande. Zehn Jahre vergehen, während derer er erfährt, dass sich Martha ob seines Schicksals in die Donau gestürzt hat. Schließlich kommt er nach Wien wo er auf Magdalena trifft. Sie erkennt ihn und bringt ihn nur widerwillig zum schwer erkrankten Joachim der den Evangelimann auf der Straße singen gehört hat. Erst als Joachim dem vermeintlich Fremden die Brandlegung beichtet, erkennen die Brüder einander. Mathias vergibt seinem sterbenden Bruder.

Die Handlung, die Kienzl an einen Tatsachenbericht im Buch Aus den Papieren eines Polizeikommissärs von  Leopold Florian Meißners angelehnt hat, spielt im Original um 1810. Um der dürftigen Handlung dennoch etwas Hintergrund zu geben, wurde sie von Regisseur  Josef Ernst Köpplinger an den Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts verlegt, wodurch der zweite Akt in die Anfänge der Judenverfolgung in Österreich fällt, was durch eine stumme Szene angedeutet wird. Ob dies tatsächlich notwendig ist, sei dahingestellt. Doch durch diese und zahlreiche andere Szenen welche die Statisten während des Stückes darstellen (eine Mutter, die ihr Kind verliert welches in einem Kindersarg forttransportiert wird, ein Liebespaar, das sich nur schwer voneinander trennen kann als sie zur Arbeit muss…) wird die einsträngige Handlung etwas aufgebrochen.

Das Bühnenbild von Johannes Leiacker, ist ein großer halbrunder Raum, in welchem auf der Drehbühne ein dreiseitiges Prisma steht. Im ersten Akt ist davon eine Seite ganz mit Bibelsätzen beschriftet, eine bildet die Mauer des Klosters, und die dritte den Platz im Kloster auf dem sich Kirchentür und Klosterschenke befinden. Im zweiten Akt sind die drei Seiten der Hinterhof auf dem Magdalena und Mathias aufeinander treffen, das Krankenzimmer Joachims und wiederum die mit Bibelsätzen beschriftete Seite. In diesem Bühnenbild spielt sich die Handlung ab in welcher Chor, Kinderchor und Orchester unter der Leitung von Johannes Fritzsch brillieren. Christiane Libor gibt ihre Martha mit ebensoviel Sehnsucht und mit dem selben stimmlichen Feingefühl, das sie bereits im Holländer als Senta bewiesen hat. Neben ihr und der als Magdalena ebenfalls brillierenden Michaela Lucas verblassen Jeffrey Francis als Mathias und Sebastian Holecek als Johannes. Martin Fournier als Bauernbursche Hans und Manuel von Senden als Zitterbart können wiederum, ebenso wie  Wilfried Zelinka als Friedrich Engel, David McShane Anton Schnappauf  und Götz Zemann und Fran Lubahn als Herr und Frau Aibler, mit all ihrer stimmlichen Gestaltungsgabe brillieren.

Die Kostüme von Marie-Luise Walek geben dem Abend noch ein wenig mehr Tiefe und runden die Leistung ab in welcher das gesamte Team der Oper alles aus dem Werk Kienzls herausholt, was herauszuholen war.

Text: Ulrich Braunegg

Triumph mit einstigem Welterfolg
von Wolfgang Würdinger

(Graz, 29.04.2007). Nach der erfolgreichen Wiederbelebung des einstigen Welterfolges durch die Wiener Volksoper in der vorigen Saison konnte nun auch die Übernahme der Produktion ins Grazer Opernhaus einen nicht ganz unberechtigten Triumph feiern.

Dies ist einerseits auf die kluge szenische Umsetzung von Josef Ernst Köpplinger und seinem Team, andererseits auf die hochwertige musikalische Realisierung des Rührstückes zurückzuführen.

Köpplinger verlegt die Handlung von den Jahren 1800 und 1830 in die Jahre 1900 und 1930, und es gelingt ihm so, die im Stück ebenfalls angesprochene soziale Problematik scharf herauszuarbeiten, unterstützt durch die durchaus realistische Gestaltung der Bühne von Johannes Leiacker und die stimmigen Kostüme von Marie-Luise Walek. Durch die präzise Zeichnung vieler kleiner Episoden wird jegliches Abgleiten in allzu große Sentimentalität oder gar Kitsch vermieden, wenn auch manchmal etwas zu viel des Guten getan und von der Musik abgelenkt wird, beispielsweise in der großen Szene des Johannes im zweiten Aufzug, in der er, todkrank, seine Untat bereut. Mit präziser Personenführung bis zum letzten Statisten werden alle Facetten des Stückes beleuchtet, und nicht nur der Konflikt der beiden Brüder Mathias und Johannes Freudhofer.

Diese werden dargestellt von Sebastian Holecek (Johannes) mit mächtigem Bariton und großer stimmlicher und darstellerischer Intensität, und dem Hausdebütanten Jeffrey Francis (Mathias) mit zwar kraft-und ausdrucksvollem, den lyrischen Stellen aber nicht immer gerecht werdendem Tenor, sowie stellenweise mangelnder Wortdeutlichkeit. Nach ihrer Senta errang Christiane Libor einen weiteren großen persönlichen Erfolg mit ihrem strahlenden Sopran, der für unseren Geschmack für die Rolle der Martha schon beinahe zu dramatisch ist. Mit pastoser Altstimme erinnert sich Michaela Lucas an die schönen Jugendtage, unerbittlich zeigt sich Wilfried Zelinka als Justiziär Friedrich Engel. Ein großes Lob sei dem gesamten Ensemble des Grazer Opernhauses gezollt, das souverän alle kleinen und gerade in dieser Inszenierung so wichtigen Rollen meistert, angefangen vom kauzigen Zitterbart von Manuel van Senden bis hin zum stimmgewaltigen Nachtwächter von Konstantin Sfiris, die hier stellvertretend für alle Anderen genannt seien.

Zur Hochform lief auch wieder der Chor der Grazer Oper auf, wie immer bestens einstudiert von Matthias Köhler.

Ebenfalls in Hochform das Grazer Philharmonische Orchester unter der Leitung seines Chefdirigenten Johannes Fritzsch, der erfreulicherweise den Evangelimann zur Chefsache macht und das für uns bisher überzeugendste Dirigat abliefert: Unter seiner präzisen Stabführung wird ebenso präzise musiziert, die spätromantische Nähe zu Wagner wird ebenso hörbar wie Anklänge an den Verismo und an die deutsche Spieloper; Fritzsch fügt alles zu einem Ganzen und lässt uns so eigenständiges Werk erleben, das auch heute noch starke Wirkung auf das Publikum ausübt.

Sollte jemand die Grazer Aufführungsserie versäumen, der sei beruhigt, nächste Spielzeit findet sich Der Evangelimann wieder auf dem Spielplan der Wiener Volksoper.

Text: Wolfgang Würdinger

Folgevorstellungen:

2., 4., 6., 9. und 24. Mai
10., 15. und 23. Juni







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