Opernhaus Graz:

Der Kapitän des Grazer Opernballetts
Ein Künstlergespräch mit Darrel Toulon

(Graz, 30.04.2007). Es war unter anderem meine Kritik am Nussknacker, die dazu geführt hat, dass ich Darrel Toulon, den Ballettdirektor der Grazer Oper, gebeten habe, mir etwas Zeit für ein Gespräch mit ihm zu schenken, damit ich seinen Zugang zum Ballett besser verstehen kann. Aus „etwas Zeit“ wurden mehrere Stunden, in denen ich den Proben zu zwei Stücken beiwohnen konnte und ihn intensiv zum Ballett und seiner Arbeit an der Grazer Oper befragen konnte.

Darrel Toulon erhielt seine Ausbildung zum Balletttänzer an der Central School of Ballet in London. Doch schon bald nachdem er diese beendet hatte, wurde ihm, nicht zuletzt durch die Zusammenarbeit mit Jochen Ulrich (dem derzeitigen Ballettdirektor am Linzer Landestheater), bewusst, dass die grazile, künstliche Schönheit dessen, was an Ballettschulen in der ganzen Welt unterrichtet wird, nur der Grundstock zu einer Reihe von Bewegungsmöglichkeiten sein konnte, die in der Welt dessen, was landläufig als klassisches Ballett bezeichnet wird, vernachlässigt werden. Von der senkrechten Haltung der TänzerInnen weg entwickelte sich das Ballett bereits zur Zeit von Nijinsky hin zu dem, was ChoreographInnen heute die Gelegenheit gibt, sämtliche Möglichkeiten der Bewegung auszunützen.

Zum ersten Mal führte ihn sein Weg 1997 nach Graz als er im Schauspielhaus in der Produktion von „Liebe, Stärke, Mitgefühl“ die Rolle des Ramòn spielte. Es war diese Produktion, die ihm die Entscheidung, eine Position als Ballettdirektors anzusuchen, erleichterte als die damalige Intendantin Karen Stone ihm diese 2001 in Graz anbot. Auch die bis heute andauernde Zusammenarbeit mit der Bühnen- und Kostümbildnerin Anne-Marie Legenstein, begann damals.

Seine Aufbauarbeit in Graz und wohl auch seine mutigen Inszenierungen führten dazu, dass Darrel Toulon 2002 mit dem „Spezialpreis für besondere Leistungen im österreichischen Tanz“ ausgezeichnet wurde.
Die Begründung der Jury: "Dem Leiter von Tanz, Graz an den Vereinigten Bühnen Graz gelang in der ersten Saison seines Engagements der Wandel von einer traditionellen Ballettcompagnie zu einer zeitgenössischen Tanzgruppe. Außerdem hat sich Toulons Ensemble aktiv in die Grazer Tanzszene integriert."
Er hat in Graz ein TänzerInnenensemble mit höchst unterschiedlichen Typen aufgebaut, das vor allem durch ein Merkmal miteinander verbunden ist. KeineR der TänzerInnen versteht sich als EineR von Vielen. JedeR von ihnen ist SolistIn, und mit ihnen gemeinsam als seiner Crew arbeitet Toulon wie ein Kapitän, der sich auf seine Mannschaft verlassen kann. Seine Arbeiten, mit denen er, analog zur Tradition des Theaters seit der Antike, unterhalten und bilden will, basieren auf Teamwork Mit seinen Arbeiten hat Darrel Toulon auch internationalen Ruhm erlangt und es geschafft, dass Produktionen des Grazer Balletts nicht nur in sämtlichen heimischen Medien sondern auch in Übersee bis hin zu den New Yorker Ballet Review, Variety, und Financial Times besprochen werden.

Die nächste Produktion des Grazer Balletts ist nun eine, die nicht alleine die Handschrift von Darrel Toulon trägt. Im dreiteiligen Ballettabend „Dreamcatcher“, Premiere 4.5.2007, 20:00 auf der Probebühne der Grazer Oper, werden Tarek Assam (Ägypten/Deutschlnd) der Direktor der Tanzcompagnie Giessen, die freischaffende Choreographin Nina Kripas (Österreich), und dem Choreographen der Tanzkompagnie Grigioverde Massimo Perugini (Italien) mit den Tänzern des Ensembles der Grazer Oper jeweils ihre choreographischen Assoziationen zum Wort Dreamcatcher präsentieren. Die TänzerInnen müssen dabei die ganze Bandbreite ihres stilistischen Könnens zeigen: Von der Klassik über Modern Dance bis hin zum Hip-Hop. Während Nina Kripas in ihrem Stück in die Tagträume von U-Bahn-fahrenden Menschen eintaucht, wendet sich Massimo Perugini dem alten menschlichen Traum vom Fliegen zu. Tarek Assam versucht in einem einaktigen Tanztheaterstück die Herkunft der „Traum-Fänger“ als Engel zu deuten.

Abschließend möchte ich mich bei Darrel Toulon für die Zeit bedanken, die er mir gegeben hat, und das, obwohl meine Kritik über sein letztes Stück so ausgefallen ist wie sie ist. Ich möchte mich nicht für sie entschuldigen – eine Kritik ist immer der Standpunkt eines Menschen zu einem gewissen Zeitpunkt – doch nach dem Gespräch habe ich im Stück manche Zusammenhänge verstanden, die mir vorher nicht klar geworden waren.

Text: Ulrich Braunegg


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