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Rigoletto oder das Krokodil unterm Tannenbaum
von Wolfgang Würdinger
(Graz, 13.01.2007 - Premiere). In Zeiten, in denen der Klimawandel ein zentrales Thema ist, verwundert es wenig, dass in der Poebene bei Mantua ein Krokodil ganz friedlich unter einem Tannenbaum schläft, was das allerdings mit Giuseppe Verdis Rigoletto zu tun hat, bleibt im Unklaren, wie denn so vieles der Inszenierung von Tatjana Gürbaca.
Beispielsweise, um gleich im dritten Akt zu bleiben, versteckt sich Gilda keineswegs, um ungesehen den Herzog und Maddalena zu beobachten, die nicht als kokett, sondern eher bieder mit über das Knie gehendem Rock und Strickweste gezeigt wird, verführerisch ist sie kein bisschen.
Wie im Programmheft nachzulesen, hat sich das Leading Team sehr viele und unserer Meinung nach richtige Gedanken über das Stück gemacht, an der Umsetzung hapert es aber vor allem auf der Bühne. Warum nicht den Hof des Herzogs als sich langweilende Männergesellschaft zeigen, warum nicht die Demütigung der Gräfin Ceprano herausarbeiten - der Herzog knöpft ihr aber dann gleich coram publico die Bluse auf, auch das seltsame Herumgehüpfe der mit Gurken und Möhren als Phallussymbole ausgestatteten Höflinge um die Gräfin ist allzu plakativ und somit schon fragwürdig Gag um des Gags willen? und löste bereits nach wenigen Minuten die ersten Unmutsbezeugungen des Publikums aus. Monterone wird ebenfalls bis auf die Unterhosen ausgezogen, wie denn überhaupt durchgehend eine Tendenz zum Entkleiden festgestellt wird Offenlegung der Seelenzustände? Das in den ersten beiden Akten aus hässlichen Holzfurnierplatten bestehende Bühnenbild von Klaus Grünberg trägt auch nicht dazu bei, Stimmung aufkommen zu lassen, der Festsaal des Schlosses sieht gleich aus wie die Straße vor Rigolettos Haus und das Innere desselben (Vermischung der seelischen Außen- und Innenräume?), die Spelunke Sparafuciles ist gekrönt von einer Satellitenantenne, die genau darüber verlaufende Hochspannungsleitung scheint den Empfang aber nicht zu stören ... Von erlesener Hässlichkeit ebenfalls die Kostüme von Silke Willrett, ob sich die SängerInnen darin wohlfühlen mögen, sei dahingestellt.
Schade, denn viele Ansätze sind durchaus schlüssig, Rigoletto verteilt seinen Spott auch ohne Buckel, am besten charakterisiert erscheint uns Gilda, die nicht als naives Hascherl, sondern als selbstbewusstes Girlie, das dem Reiz des Verbotenen, unterstützt durch Giovanna, gerne nachgibt, gezeigt wird.
Die Premiere brachte zwei mit Spannung erwartete Hausdebüts mit sich: Der junge russische Tenor Andrej Dunaev gab mit strahlend lyrischem Tenor und viel Italianità einen sehr nuancierten und kultivierten Herzog, Andrzej Dobber stellte sich als Titelheld dem Grazer Publikum vor, mit seinem klangschönen, ausladenden und höhensicheren, eher hell timbriertem Bariton bewältigt er die Partie ohne Anstrengung, wirkt aber streckenweise eher teilnahmslos und vermag nicht zu berühren, obwohl er auch anders kann, z.B. in der finalen Stretta des zweiten Aktes.
Die Gilda gab Margareta Klobucar, der die lyrischen Kantlenen diesmal mehr zu liegen schienen als die nicht immer ganz lupenrein gelungenen Koloraturen, Tamara Klivadenko wirkte auch stimmlich nicht verführerisch und blieb somit eher blass, als Monterone überzeugte stimmgewaltig Konstantin Sfiris, und Wilfried Zelinka war ein ungewöhnlich hell timbrierter was sich auf seine große Szene mit Rigoletto zu Beginn des zweiten Bildes sehr vorteilhaft auswirkte und gesanglich eher sanfter, aber nichtsdestoweniger bedrohlicher Sparafucile.
Auch wenn es im Orchestergraben die eine oder andere kleine Panne gab (Holzbläser), spielte das Grazer Philharmonische Orchester groß auf, unermüdlich von Dirk Kaftan zu ebenso gefühlvoll nuanciertem wie auch leidenschaftlichem Spiel angehalten, die Zeiten des Schrumm-ta-ta Rigoletto sind glücklicherweise endgültig vorbei.
Das Publikum feierte SängerInnen, Chor, Orchester und Dirigent zwar kurz, aber stürmisch und buhte das Regie- und Ausstattungsteam beinahe einhellig aus, es hat sich wieder einmal gezeigt, dass sich das Regietheater eigentlich bereits überlebt hat.
Text: Wolfgang Würdinger
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Ein Abend der Höhepunkte
von Ulrich Braunegg
(Graz, 17.01.2007 - Alternativbesetzung). Der Herzog von Mantua gibt ein rauschendes Fest dessen hauptsächliche Bestimmung es ist, sich über seine Gäste lustig zu machen. Sein Hofnarr Rigoletto ist ihm dabei behilflich während die Hofgesellschaft hinter Rigolettos Rücken über die Frau flüstert, die sie für seine Geliebte halten. Doch als der Baron von Monterrone hereinkommt und den Herzog und Rigoletto verflucht, findet die Feier ein jähes Ende. Rigoletto eilt nach Hause zu seiner Tochter Gilda die er, um sie vor den derben Späßen der Hofgesellschaft zu schützen, in seinem Hause versteckt hält. Immer noch beängstigt vom Fluch des Barons erinnert er die Gouvernante an seine Befehle, seine Tochter nicht aus dem Haus zu lassen. Doch kaum ist er weg lässt sich die Gouvernante vom Herzog bestechen und lässt ihn, der sich als Student Gaultier Maldè ausgibt, zu Gilda die sich in ihn verliebt. Da nähern sich Schritte, die Gouvernante wirft den Herzog hinaus. Rigoletto kommt heim und trifft vor seinem Haus die Hofgesellschaft. Die Herren erklären ihm, sie wollten die Gattin des Grafen von Ceprano entführen. Eifrig hilft Rigoletto mit und bemerkt zu spät, dass er bei der Entführung seiner eigenen Tochter mitgeholfen hat. Er eilt ins Schloss des Herzogs wo er seine Tochter entehrt wiederfindet. Um sich am Herzog zu rächen, heuert er den Auftragsmörder Sparafucile und dessen Schwester, die Prostituierte Maddalena, an um Gilda zu zeigen, was für ein Mann der Herzog tatsächlich ist. Gilda wird Zeugin wie der Herzog und Maddalena sich handelseins werden, doch ihre Liebe ist ungebrochen. Sie wird von ihrem Vater in Männerkleidern nach Verona geschickt und Rigoletto zahlt Sparafucile die Hälfte des Honorars welches dieser für den Tod des Herzogs verlangt. Doch Maddalena beschwört ihren Bruder statt des jungen Herzogs den Erstbesten der bei der Tür hereinkommt zu töten. Gilda hört dies und beschließt, sich für den Geliebten zu opfern. Immer noch in Männerkleidern klopft sie an die Tür, Sparafucile ersticht sie, Rigoletto bezahlt ihn und bemerkt erst dann, dass der Fluch des Barons ihn nun tatsächlich getroffen hat.
Die Inszenierung von Tatjana Gürbaca erzählt auch tatsächlich diese Geschichte. Ungeschönt und von jedem Kitsch befreit reduziert sie die Personen auf ihre ureigensten Beweggründe. Das klare und unkapriziöse Bühnenbild von Klaus Grünberg und seine präzise Lichtgebung verleihen der Oper eine düstere Note wie man sie aus Inszenierungen von Karajan kennt. Leider jedoch hält es die junge Regisseurin für notwendig, in jeder Szene mehrere ihrer handelnden Figuren zu entkleiden. Das ist bei der Gräfin von Ceprano in der ersten Szene des Stückes durchaus noch nachvollziehbar, doch als dann auch noch der Baron von Monterrone bis auf die Leibwäsche ausgezogen wird, in der zweiten Szene erst Rigoletto, dann Gilda und der Herzog ihre Kleidung nicht anbehalten können, und auch im restlichen Stück konstant jemand entkleidet wird, fängt man an zu überlegen, ob der Einfallsreichtum der Regisseurin tatsächlich dort aufhört wo auf der Bühne jemand aus seinem Kostüm geschält wird.
Das Ensemble, allen voran Boris Statsenko als Rigoletto, ist eine wahre Freude für die Ohren des Publikums. Konstantin Sfiris als apokalyptischer Baron von Monterrone, Andrej Dunaev als gleichzeitig lyrisch sanfter und dramatischer Herzog von Mantua, Wilfried Zelinka als bedrohlicher und entschlossener Sparafucile alle können sie sowohl stimmlich als auch darstellerisch überzeugen. Einzig Hyon Lee, die Gilda des zweiten Abends, singt ihre Partie zwar hervorragend, kann aber als Gilda nicht überzeugen da ihr schauspielerisches Talent nicht ausgeprägt genug ist für ihre vielschichtige Rolle.
Die Musik ist es, die diesen Abend endgültig zu einem unvergesslichen Ereignis werden lässt. Schon in den ersten Takten von Verdis Oper beweist Dirigent Dirk Kaftan sein Können. Klanggewaltig ohne übertrieben pompös zu sein, sanft ohne je die Präzision der musikalischen Linie aus den Augen zu verlieren führt er das Orchester, den Chor und die Solisten mit sicherer Hand durch einen Abend der klanglichen Höhepunkte.
Text: Ulrich Braunegg
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