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Zwiespältige Eindrücke
von Wolfgang Würdinger
(Graz, 17.12.2006). Franz Lehárs zweifelsohne populärstem Werk, das 2005 seinen 100. Geburtstag gefeiert hatte, galt die diesjährige Weihnachtspremiere des Grazer Opernhauses, es ist von einem musikalischen Erfolg und von szenischem Scheitern zu berichten, denn man weiß nicht so recht, ob nun Die Lustige Witwe oder eine Parodie derselben gegeben wird.
Das Bühnenbild von Elisabeth Binder-Neururer besteht vor allem aus wackeligen Säulen; dazu einer überdimensionalen Büste des pontevedrinischen Landesfürsten im ersten Akt, einem Dschungel (der Gefühle) im zweiten und einer Tüllkugel im dritten, aus der die Grisetten entsteigen, allzu viel der Atmosphäre kommt nicht auf. Dazu kommen die von Urte Eicker unförmig ausgestopften PontevedrinerInnen, sowie besonders die für die vier Hauptakteure in keiner Weise vorteilhaften Kostüme, Valencienne und Rossillon haben darunter sehr zu leiden (hat man sich bei den rothaarigen Perücken der beiden davon inspirieren lassen, dass am Abend zuvor im Schauspielhaus Nestroys Der Talisman Premiere hatte?!?), aber auch Hanna Glawari ist ebensowenig grande dame wie Graf Danilo eleganter, fracktragender Bonvivant. Im ersten Akt sind die Absichten der Regisseurin Beverly Blankenship noch einigermaßen nachvollziehbar Pontevedro steht knapp vor dem Staatsbankrott und der Gerichtsvollzieher geht ein und aus warum aber dauernd jemand erschossen werden muss, bleibt im Unklaren (wildes, blutrünstiges Balkanvolk???). Im zweiten Akt kommt es aber noch schlimmer, der bereits erwähnte Dschungel der Gefühle wird von zwei Affen und Tarzan himself bevölkert, was eher peinlich denn unterhaltend wirkt. Erst der dritte bringt dann wieder etwas Entspannung und das Happyend. Insgesamt hinterlässt die szenische Umsetzung einen schalen Nachgeschmack der Inkohärenz und Unausgewogenheit.
Musikalisch ist es glücklicherweise um diese Produktion viel besser bestellt, Dirk Kaftan arbeitet Lehárs subtile Instrumentationskunst mit dem Grazer Philharmonischen Orchester dynamisch fein schattiert heraus und lässt die Melodien aufblühen, ohne jemals in Sentimentalität oder gar Rubatoseligkeit abzugleiten. In der Titelrolle debütiert Natalia Ushakova, ihr sinnlich-dunkel timbrierter Sopran eignet sich hervorragend für die verführerische Hanna Glawari, auch wenn manche Höhe etwas scharf klingt und die Wortdeutlichkeit noch verbessert werden könnte. Der Hauptsympathieträger des Abends ist eindeutig Daniel Prohaska als etwas über die Gebühr derangierter Graf Danilo, stimmlich gelingt ihm beinahe alles, und dass er gut aussieht, Charme und Witz hat, und gut spielen und tanzen kann, ist in Graz hinlänglich bekannt.
Margarita Klobucar gibt eine sichere und charmante Valencienne, Marlin Miller einen tenor-strahlenden Rossillon, Götz Zemann einen nach Wunsch dümmlichen Mirko Zeta und Franz Friedrich einen nicht übermäßig outrierenden Njegus.
In der Choreographie von Allen Yu tragen die engagierten Damen und Herren des Balletts ihren Teil zum Schwung des Abends und zur guten Laune bei, und werden vom Publikum ebenso wie die ProtagonistInnen, Dirigent, Chor und Orchester stürmisch bejubelt, das Ausstattungs- und Regieteam muss hingegen einem ordentlichen Buhsturm trotzen.
Text: Wolfgang Würdinger
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Ein großes, entzückendes „Warum?“
von Ulrich Braunegg
(Graz, 17.12.2006). Nachdem sich der Vorhang zum ersten Akt der Lustigen Witwe gehoben hatte, legte sich meine Sorge, was dem Zuschauer wohl geboten würde. Humorvoll und mit vielen eigenen Einfällen von Regisseurin Beverly Blankenship ließ der erste Akt kaum zu wünschen übrig. Auch der dritte Akt war so bezaubernd wie man sich das von einer Lehár-Operette erwartet. Doch was der böse zweite Akt der Regisseurin, der Bühnenbildnerin Elisabeth Binder-Neururer und der Kostümbildnerin Urte Eicker angetan hat, dass sie ihn zu dritt so durch Verunstaltung bestrafen, ist unklar.
Der erste Akt, ein Fest in der Pariser Gesandtschaft Pontevedros, sprüht geradezu vor Witz und Elan. Die Bühne, ein Wald aus elegant geschwungenen weißen Säulen in deren Mitte eine riesige Büste des Landesherrn von Pontevedro steht. Um den fortlaufenden Staatsruin, der sehr plastisch durch ständige Pfändungen auf die Bühne gebracht wird, aufzuhalten beschließt Baron Mirko Zeta, dass der Gesandtschaftssekretär Graf Danilo Danilowitsch die reiche Witwe Hanna Glawari heiraten muss. Doch sämtliche Pariser Herren haben ebenfalls beschlossen, die Witwe zu ehelichen und auch Baron Zetas Frau Valencienne hat beschlossen, der Witwe einen Mann zuzuspielen. Ihren eigenen Liebhaber Camille de Rossillon.
Danilo lenkt die Herren mit den eintreffenden Damen der Pariser Gesellschaft ab. Um nun die PariserInnen von den PontevedrinerInnen zu unterscheiden, hat die Kostümbildnerin kurzerhand die Pontevedriner in farbenfrohe Nationaltrachten und die Pariser in weiße Kleider und Anzüge gehüllt. Einfach, doch wirksam. Danilo will die Witwe nicht heiraten. Er hat ihr geschworen, er werde ihr nicht „Ich liebe Sie!“ sagen, könnte sie doch glauben, mit „Sie“ wären ihre Millionen gemeint.
Der Zweite Akt wurde nun von Beverly Blankenship aus unerfindlichen Gründen aus dem Haus der Glawari in den Urwald versetzt. Konnte die Witwe sich zwar leisten, den Pontevedrischen Staatshaushalt zu retten, nicht aber für eine Bleibe in Paris zahlen? Egal. Vom sich über die Bühne schwingenden Tarzan über überdimensionale Venus-Fliegenfallen bis hin zu Gorillas mit denen die Männer glauben, sich messen zu müssen, wurde kein Urwaldklischee unbeachtet und nichts unversucht gelassen mit dem man hoffen konnte ein wenig des Charmes des zweiten Aktes der Operette zu überdecken. Erfreulich ist aber, dass die zweite Strophe des Männer-Marsch-Septetts aufgeführt wurde in welcher die Frauen über die Männer zu Wort kommen. Sie ist auch in den meisten „Gesamtaufnahmen“ ausgespart. Hanna, noch immer der Schwarm aller Männer, und immer mehr auch der Danilos, schiebt sich auf ihrem Fest vor als ein intimes Treffen von Valencienne und Camille aufgedeckt werden soll, und erklärt ihre Verlobung mit Camille. Danilo und Valencienne sind am Boden zerstört, er möchte fliehen doch, überrascht vom dritten Akt und den von Valencienne unterstützten Grisetten (Tänzerinnen aus dem Pariser Nachtclub Maxim), bleibt er auf dem Fest.
Der Urwald ist nun einem großen Hügel aus Tüll gewichen aus welchem die Grisetten, mit den Füßen voraus, auftreten. Daneben eine Säule die mit großen, roten Lampen umwunden ist. Hanna erklärt, dass sie die Millionen im Falle einer Wiedervermählung verlieren würde, Danilo erklärt ihr seine Liebe, Valencienne erklärt allen, dass sie eine anständige Frau bleibt und alles endet fröhlich.
Das Ensemble wird angeführt vom ausdruckstark, aber leider gelegentlich neben der gewünschten Tonhöhe singenden Danilo Daniel Prohaska. Als einziger ist er durchgehend zu verstehen, beim restlichen Ensemble fehlt die Textdeutlichkeit. Natalia Ushakova als Hanna ist kokett, charmant und in den Spitzenhöhen ihrer Partie auch weich und sanft, in der Mittellage fehlt ihr jedoch die Resonanz um dauerhaft über dem Orchester zu bleiben. Margareta Klobucar als Valencienne und Marlin Miller als Camille geben erneut ein entzückendes Liebespaar ab dem man jede Zärtlichkeit glauben will. Stimmlich ist sie ihm bei der Premiere überlegen, doch schauspielerisch steht er ihr um nichts nach. Götz Zemann (Baron Zeta), Ivan Oreščanin (Vicomte de Cascada) und Martin Fournier (Raoul de St.Brioche) komplettieren bravourös das harmonische Ensemble. Der Chor singt durchwegs schön und passt sich der Stimmung gut an, doch sind auch die Chorstimmen schwer zu verstehen.
Die Musikalische Leitung hat der 1. Kapellmeister und stellvertretender Chefdirigent der Grazer Philharmoniker, Dirk Kaftan, übernommen. Sanft, wunderschön artikuliert, mit den gebotenen Verzögerungen und Rubati, doch ohne jemals zu süßlich oder gar kitschig zu werden, führt er das Orchester mit fester Hand so dass man sich an jeder Note erfreuen kann.
Alles in allem ist es durchaus ein erfreulicher Operettenabend. Doch warum Beverly Blankenship beschlossen hat, ihre hervorragende Arbeit aus dem ersten und dem dritten Akt durch die gefühllose Einfügung eines derartigen Fremdkörpers, wie dieser zweite Akt einer ist, zunichte zu machen, bleibt ungeklärt. Vielleicht hätte sie weniger krampfhaft versuchen sollen etwas Neues zu machen und stattdessen im Konzept „schöne Operette“ bleiben sollen.
Text: Ulrich Braunegg
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