Unreflektierte Jubelstimmung:

Olympia


China ist olympiareif! Vergessen sind die spannungsgeladenen Tage vor vier Jahren, als ein noch nicht fertig gestelltes Hallendach in Athen den Beginn der Spiele zu verzögern drohte, während die olympische Fackel sich schon bedrohlich den Stadttoren näherte. Die Chinesen haben alles fest im Griff.

Selbst das Wetter muss sich den Wünschen der Veranstalter beugen. Unter Einsatz von Chemikalien werden die Wolken gezwungen, sich ihrer Feuchtigkeit fernab des Nationalstadions, des sogenannten „Vogelnestes“ zu entledigen. Darin hat man schon gewisse Übung – musste man in der Vergangenheit ja auch schon anlässlich unzähliger Militärparaden für künstlichen Sonnenschein sorgen. Gemäß einem alten chinesischen Sprichwort kann man einen Edelstein nur zum Glänzen bringen, wenn man ihn schleift. Und nach dieser Volksweisheit handeln die fleißigen Asiaten erbarmungslos.

Nicht nur die Kampfstätten wurden in Rekordzeit – teilweise sogar stark verfrüht – fertig gestellt. Auch die Dissidenten hat man mehr als rechtzeitig mit Hausverbot belegt oder gleich vorsorglich inhaftiert. Mittlerweile ist auch der internationale Protest anlässlich der Tibetkrise – nicht zuletzt durch die vorauseilend beschwichtigende Haltung des Internationalen Olympischen Komitees – beinahe folgenlos verstummt. Das Ausland (so scheint es zumindest) kümmert sich nicht um politische Misstöne, sondern will die Athleten springen und gewinnen sehen. Wen stören schon ein paar landestypische Folterungen, wenn der Glanz der großen weiten Welt zu Gast in Peking ist.

Würden Millöcker, Stolz und Lehár noch leben, wäre es Zeit für eine herrlich kitschige Olympiaoperette – oder deren drei. Auch der ORF bläst in das rosa bebrillte Jubelhorn. Unter Außer-Acht-Lassen der katastrophalen innen- und außenpolitischen menschenrechtlichen Situation in China wird begeistert Stimmung für das gigantische Sportereignis gemacht. Die Situation erinnert in pädagogischer Sicht an den beschwichtigenden Umgang mit einem gegen andere Schüler gewalttätigen Streber: „Er mag ja ein ziemlicher Rüpel sein, aber seht euch mal seine Noten in den Lerngegenständen an ...“

Ich kann mich dieser unreflektierten Jubelstimmung nicht anschließen – mir stellen sich dabei die Nackenhaare auf! Schon seit längerem habe ich den Entschluss gefasst, die Spiele zu boykottieren. Mein Fernseher wird während der Medaillenjagd im Standby-Modus dahindämmern. Das ist er ohnehin schon von der Fußball-EM gewöhnt.

Trotzdem wünsche ich allen teilnehmenden Athleten viel Glück. Mögen sie – wie die Veranstalter und das Olympische Komitee – alle Hürden beseitigt und sämtliche Dopingmittel rechtzeitig abgesetzt haben!


Text: Walter Rudich














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