| Nachruf
„Ich habe einen Freund …“
Einige Jahre wohnten wir Tür an Tür. Oft saßen wir bei ihm und seinem Freund im Wohnzimmer und haben uns weiß Gott was erzählt. Oder sie haben bei uns vorbeigeschaut - zu Kaffee und Kuchen oder zu einem gepflegten Abendessen. Im Sommer haben wir gerne im Garten gegrillt. Als wir dann ausgezogen sind, wurde der Kontakt sporadischer. Trotzdem haben wir uns ab und zu zu einem Umtrunk in einem Lokal verabredet. Wir haben geplaudert, aber wenn ich mich an die Gespräche zurück erinnere, haben wir eigentlich nur über unwichtige Sachen gesprochen. Ich wusste, dass er Probleme hat, aber er hat diese nie thematisiert. So ist er zum Beispiel nie offen zu seiner sexuellen Orientierung gestanden. Zwar wusste seine ganze Familie, dass er mit einem Mann zusammen wohnt und mit diesem auch sein Bett teilt, aber gesprochen wurde darüber nie. Bei seiner Arbeit hat er immer versucht, einen lebensfrohen Hetero zu mimen. Zu diesem Image gehörte natürlich auch ein Sportwagen - er fuhr nur deutsche Modelle. Sein Auftreten hatte immer etwas von einem Lebemann. Ständig gut gelaunt und gut angezogen. Wenn man mit ihm ausging, konnte man die eigene Geldtasche getrost zu Hause lassen. Aber es war nicht seine spendable Art, welche ihn so sympathisch machte. Er war nämlich ein Mensch, der nicht die anderen niederredete, sondern der zuhören konnte. Und seine Umarmungen zur Begrüßung waren warm und herzlich. Ich werde ihn sehr vermissen, denn gerade habe ich von seinem Tod erfahren. Er hat sich erhängt. |
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