Einmal mehr: gut erdachter Quotenscheiß

Queer As Folk


Jetzt habe ich es endlich mal geschafft und mir eine Folge der schwulen Kultserie „Queer as Folk“ angesehen. Um das Ergebnis gleich vorweg zu nehmen: Es hat mich zwar unterhalten, aber in Begeisterungsstürme bin ich nicht ausgebrochen. Irgendwie kam mir der Plot wie „Sex and the City“ vor, nur dass alle sexuell aktiven Rollen von Männern gegeben werden. Sonst herrschen die gleichen Klischees und Stereotypen vor, wie wir es eh schon zur Genüge kennen. In gewisser Weise fühlte ich mich auch an den „Käfig voller Narren“ erinnert – nur dass diesem Film zwei Klischeefiguren genug waren.

Man mag mir jetzt vorhalten, dass man eine Serie mehr als einmal ansehen sollte, bevor man sich darüber ein Urteil bilden kann. Nun – ich werde in Zukunft sicher wieder mal reinschauen, aber dass es sich um eine Scheinwelt handelt, ist wohl jedem Zuseher nach einmaligem Genuss klar.

Es hüpfen wieder einmal nur „Beautiful People“ herum, deren Aussehen indirekt proportional zu ihrer sozialen Kompetenz steht. Wo sehen denn sonst selbst die über 40-jährigen aus, als ob sie einem Fitnessjournal entsprungen wären? Und bei zwischenmenschlichen Beziehungen sind diese Schwachköpfe noch behinderter als die hysterischen Weiber um Carrie Bradshaw.

Dass diese magere Szenerie um mäßig unterhaltsame Pointen im schwulen Umfeld spielt, macht die Sache nicht unbedingt interessanter. Wenn man sich aber vor Augen hält, was das Fernsehen in Deutschland aus Ralf König gemacht hat, dann bedient man sich wieder gerne bei der amerikanischen Konkurrenz. Die bewegten Männer als Sitcom sind nämlich auch für die goldene Zitrone oder Himbeere für die schlechteste Serie zu jämmerlich. Deswegen werde auch ich darüber schweigen.

Also zurück zu den „Queers“ jenseits des Atlantiks: Ich komme zum Ergebnis, dass auch diese Serie gut erdachter Quotenscheiß ist. Wirklich interessante Inhalte werden nicht vermittelt. Es ist eben Unterhaltung. Wenn man die Sache mit dem nötigen Abstand betrachtet, ist es unterhaltsam – nicht mehr und auch nicht weniger. Dass auch hiesige Schwestern sich unbeirrbar den Finger in den Hals stecken, um dem Schönheitsideal der Hungerharke entsprechen zu können, welches uns auch hier unentwegt vorgegaukelt wird, ist wohl nicht zu ändern. Das lässt mich aber über eine andere Frage nachgrübeln:

Wer hat denn eigentlich Schuld an einer so kollektiven Selbstverstümmelung? Körperbild- und Essstörungen gehören mittlerweile schon zum guten Ton. Das muss doch irgendwo seine Wurzel haben. Das Fernsehen allein kann es nicht sein. Ich glaube, dass es in unserer Entwicklungsgeschichte begründet liegt. Der Mensch ist zwar ein soziales Wesen, kann aber mit großen Gruppen nichts anfangen. Alles, was Konglomerate von 200 Seelen übersteigt, ist für den Einzelnen unüberschaubar und stellt ihn vor Probleme, die er nur schwer meistern kann. Dieser Umstand verwandelt das Leben in einer großen Stadt (oder in einer großen „Szene“) in einen Spießrutenlauf mit verbundenen Augen. Man ist froh, wenn man sich irgendwo anhalten kann – und sei es auch nur ein schräges Schönheitsideal.

Mit einem von der Allgemeinheit idealisierten äußeren Erscheinungsbild kann man seinen sozialen Status schnell verbessern. Das ist mit Intelligenz, sozialer Kompetenz oder Verlässlichkeit nur viel schwerer zu erreichen – vor allem, wenn die Zielgruppe keine dieser Eigenschaften wirklich schätzt. Ob man damit langfristig glücklich wird, ist eine andere Sache. Also werden sich die Kanalratten auch in Zukunft über vorverdaute Mahlzeiten freuen, während sich die edlen Spender beim Sex multiple Hämatome zuziehen werden. Und damit bin ich nun endgültig vom Thema abgekommen …


Text: Walter Rudich














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