Mein geliebtes schwules Leben:

Gay and Proud


Einer meiner Freunde hat es kürzlich auf den Punkt gebracht: Als wir bei einem Gläschen Bellini über unsere gleichgeschlechtliche Lebensweise reflektierten und Vergleiche zu heterosexuellen Freunden und Bekannten zogen, sprach er aus, was sich alle Anwesenden dachten: „Ich würde niemals mit einem Hetero tauschen!“

Es ist endlich so weit: Das verschämte „ich bin anders und wäre so gern normal“, das nachgrübelnde „warum bin ich so und nicht anders“ und das selbstdiskriminierende „warum akzeptiert ihr mich nicht?“ ist einem selbstbewussten „ich bin gerne schwul und lebe es!“ gewichen.

Eine neue Generation von Lesben und Schwulen hat die Szene erobert ... und zwar eine Szene, die keine Ghettos mehr braucht. Man versteckt sich nicht mehr in Lokalen, die irgendwo im Zwielicht dahindämmern und mit Jammergestalten bestückt sind, die ihre sexuelle Orientierung bei Tageslicht verleugnen (müssen). Mittlerweile ist „Gay-Pride“ nicht mehr auf schrille Paraden beschränkt, sondern ist ein integrierter Bestandteil unseres gesamten alltäglichen Lebens geworden.

Was antwortet man heutzutage denn auf die Frage eines Hetero-Arbeitskollegen, ob man schwul sei? Noch vor etwa 10 Jahren wäre man da in einen ziemlichen Erklärungsnotstand geraten ... Heute hat damit wohl kaum wer ein Problem mehr. Die passende Antwort wird je nach persönlichem Temperament zwischen einem einfachen „Ja“ und einem „Hast du Lust, deinen sexuellen Horizont zu erweitern?“ liegen.

Und nun zurück zur eingangs relevierten Aussage: Was wäre denn, wenn wir wirklich mit Heteros tauschen könnten? Ich für meine Person weiß, was mich da erwarten würde: Mit meinen 43 Jahren hätte ich zumindest 2 Ehen hinter mir und müsste Unterhaltszahlungen für mehrere Kinder leisten, die ich nur alle zwei Wochen besuchen dürfte. Das ist natürlich das „Worst-Case“ Szenario, aber ich bin mir sicher, dass ich jedenfalls nicht glücklicher wäre, als mit meinem geliebten schwulen Leben. Ich hoffe, es geht allen meinen LeserInnen genau so!


Text: Walter Rudich