„Was sollte schon passieren?“

Die gestohlene Generation


Ich habe mir diesmal Gedanken zu einem sehr ernsten Thema gemacht: Den Tod. Daran möchte zwar niemand denken, aber ganz im Gegenteil zu anderen Ereignissen im Leben kann man ihn nicht vermeiden oder wenigstens behaupten: „Das wird mir nie passieren!“ – egal ob es dann doch mal eintrifft. Wir alle werden dem Tod früher oder später ins Antlitz blicken müssen.

Kürzlich habe ich mit einem lieben Freund über den plötzlichen und unvorbereitet eingetretenen Tod eines guten Freundes gesprochen. Wir hatten uns lange nicht gesehen und sind eigentlich zufällig übereinander gestolpert. Und mit dem verstorbenen Freund sind wir beide ein Stück unseres Lebens gemeinsam gegangen. Ich nur kurz und er viel länger – und dieser Weg hat am Sterbebett geendet. Als die Diagnose kam, war das Unvermeidliche schon allen klar. Der Krebs war von Anfang an nicht behandelbar gewesen.

Da gingen die Gefühle unter die Haut. Natürlich sind Tränen geflossen, aber es ist manchmal einfach notwendig, wenn man der Trauer nachgibt und sich von ihr ein Stück mitreißen lässt. Das ist sehr befreiend – egal welchen Ursprungs die Trauer ist. Man kann ihr nicht widerstehen, denn sie ist stärker als wir, also muss man ihr wenigstens eine Zeit lang folgen. Mir geht es wieder gut, aber ich habe die letzen Tage über einiges nachgedacht ...

Ich habe an liebe Menschen gedacht, die ich verloren habe – und das waren in den letzten paar Jahren ziemlich viele. Meine Großeltern, die mir immer mit Rat und Tat zur Seite gestanden hatten, meine Lieblingstante, die auch an Krebs verstarb, meine Taufpatin und mehrere andere Familienmitglieder.

Und dann erinnerte ich mich an Ereignisse, die schon mehr als zehn Jahre zurück liegen. Damals hat eine wahre Todeswelle die schwule Szene erschüttert. Ich habe es auch lange verdrängt, aber man sollte dem Vergessen Einhalt gebieten. Ich entstamme einer Generation, die in den späten 70ern und frühen 80ern ihre ersten sexuellen Erfahrungen machte. Klar, was da abging. Manche Heterofreunde habe ich damals mit den Worten: „Da brauchen wir uns nicht um Verhütung kümmern“ ins Bett gekriegt. Sex war befreiend und man ging unbekümmert ran an den Speck. Was sollte schon passieren? Jeder weiß, wie es weiterging:

Ein verschissener Virus machte all dem ein Ende und strafte die sexuelle Revolution der 60er und 70er, die wenigstens wir Schwulen nach Europa importieren konnten, Lügen. Sex war plötzlich mit einem tödlichen Risiko behaftet. Viele meiner Freunde von damals wurden für ihre emanzipierte Einstellung zu Sex mit diesem Virus infiziert, bevor noch bekannt war, wie man sich schützen konnte – andere haben ihren späteren „Wagemut“ bitter bereut. Fast alle von ihnen sind Anfang bis Mitte der 90er gestorben. Zu einer Zeit, als noch kaum jemand wagte, auch nur sozialen Kontakt mit einem HIV-Positiven zu haben. Einen von ihnen habe ich bis zum Schluss begleitet – und ich schäme mich heute noch dafür, dass ich mich bei vielen anderen nicht gemeldet habe. Sie hätten meine Hilfe bitter nötig gehabt. Aber irgendwie wollte ich das alles nicht wahr haben. Die Tränen der Familie am Grab waren zu viel für mich gewesen. Noch heute höre ich einen Onkel des Verstorbenen mit erstickenden Worten sagen: „Unser Zwergerl ist nicht mehr ...“ Ich denke an die Beisetzung und an den Umstand, dass gerade mal eine Handvoll Menschen da waren ...

Was hat uns dieser verdammte Virus nicht alles gekostet?! Meine Generation ist auf ein kleines Häufchen zusammengeschrumpft. HIV hat uns eine ganze Generation gestohlen! Hat das bald ein Ende?


Text: Walter Rudich






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