Lasst uns die Pralinen des Lebens genießen!

Das Carrie Bradshaw-Syndrom


Viele meiner LeserInnen sind (oder besser gesagt waren) LiebhaberInnen der Serie „Sex and the City“. Wir alle erinnern uns an die New Yorker Geschichten, – ich glaube es waren 6 Staffeln – in denen vier beziehungsgeschädigte Weiber in billig aussehenden Designerfummeln durch eine chaotische Stadt irrten und immer wieder beteuerten, wie sehr sie diesen unpersönlichen Dreckshaufen doch liebten.

Wenn auch die Dialoge witzig und die Männergeschichten der Protagonistinnen unterhaltsam waren, so wirkten die Charaktere doch unglaubwürdig: Kein normaler Mensch würde sich so verhalten, wie das ewig über Sex plaudernde Serienquartett. Die Mädels bekamen einen tollen Mann nach dem anderen ab – und anstatt angesichts dieser Tatsache täglich überglücklich auf die Knie zu sinken, fanden sie in jeder Beziehungssuppe irgendein Haar, das sie dann zum Trennungsgrund machten. Manchmal war sogar der Umstand ausreichend, dass es nichts auszusetzen gab. Das macht doch kein normaler Mensch … oder?

Akribisches Selbststudium gepaart mit aufmerksamer Beobachtung meines sozialen Umfeldes haben mich eines Besseren belehrt: Natürlich machen wir reale Menschen das auch! Eigentlich ist alles in bester Ordnung, aber unser durch viele Katastrophen sensibilisierter Instinkt möchte uns vorgaukeln, dass da irgendwo ein Haken ist. Diese Wahnvorstellung, welche übrigens hauptsächlich bei heterosexuellen Frauen und homosexuellen Männern auftritt, nennt man neuerdings nach der Hauptfigur aus „Sex and the City“ eben das Carrie Bradshaw-Syndrom.

Dieses Syndrom hat es in sich. Es tritt in den verschiedensten Ausformungen und in allen möglichen Lebenssituationen auf. Zuerst einmal der Grund, warum heterosexuelle Männer und Lesben davon weitgehend verschont bleiben: Langwieriges Nachgrübeln liegt denen einfach nicht. Sie stehen auf dem Standpunkt, dass die Umwelt sich schon rühren wird, wenn etwas nicht passt. Das führt natürlich auch zu kommunikativen Problemen, die jedoch einem anderen Formenkreis angehören, welcher mangels wissenschaftlichem Interesse allerdings noch lange unerforscht bleiben wird.

Und nun zurück zu den gebeutelten Gemütern und den Situationen, in welchen das Carrie Bradshaw-Syndrom mit voller Härte zuschlägt:

Die Einschätzung über das eigene Aussehen: Egal, was man unternimmt, um der Umwelt eine noch gepflegtere äußere Erscheinung zu präsentieren – nie ist man mit sich zufrieden. Vor allem die eigene Figur stellt immer wieder einen Grund dar, um mit sich unzufrieden zu sein. Familie und Freunde attestieren einem ein strahlendes Äußeres und fordern einen ständig auf, doch mit ihnen zu tauschen, aber das geht erstens nicht und zweitens will man das auch gar nicht. Aber irgendwo am Körper stören immer ein paar Kilos … Wer sich schon einmal den Finger in den Hals gesteckt hat, um nicht auf Nahrungsaufnahme verzichten zu müssen und trotzdem abzunehmen, weiß, wie weit das gehen kann: Bis zu körperlichen Dauerschäden oder in Extremfällen sogar bis zum Tod.

Putzwahn: Davon sind hauptsächlich heterosexuelle Frauen betroffen. Alles im Haus spiegelt, aber trotzdem wird gewienert, was das Zeug hält. Vermutungen, dass dieses Verhalten auf sexuelle Gründe zurückzuführen sei, haben sich nicht bestätigt: Die Penisse der mit Putzteufeln verheirateten Männer sind weder schmutziger, noch sauberer als jene von anderen Männern.

Das generelle „Das-ist-zu-schön-um-wahr-zu-sein“: Dieser sehr breit gefächerte Problemkreis hat sicher schon jeden Angehörigen der oben erwähnten Risikogruppen gestreift, wie ein Autobus. Egal, ob als Auslöser für unbegründete Eifersucht in einer Beziehung oder als Anlass für unverständliche Abwehrreaktionen nach dem Erhalt eines unverfänglich und ehrlich gemeinten Kompliments. Man schafft es einfach nicht, die Dinge in ihrer komplikationslosen Schönheit zu akzeptieren.

Es gibt noch viele andere Situationen, in welchen das Carrie Bradshaw-Syndrom auftritt und versucht, unser Leben zu vermiesen – aber viel wichtiger ist, wie man es behandeln kann:

Eines ist klar: Medikamente dagegen gibt es nicht, sonst hätten sich die Namenspatronin aus „Sex and the City“ und ihre Mädels diese eingeworfen und fortan glückliche Beziehungen und stabile Privatleben geführt.

Vielleicht hilft es ja, wenn man alles ein wenig gemütlicher angeht und sich selbst einfach nicht so wichtig nimmt … und die Erkenntnis, dass weder man selbst, noch irgendwer anderer im Mittelpunkt des Universums steht, hilft auch gehörig. Und letztendlich: Wir werden vom unerbittlichen Schicksal gezwungen, so manch bittere Pille zu schlucken – warum sollten wir uns dann selbst auch noch die wohlschmeckenden Pralinen versauern? Davon gibt es ohnehin viel zu wenig, also lasst sie uns genießen!


Text: Walter Rudich