Verfallsdatum einer Beziehung:

Scarlett O’Hara und die EU


Ist es nicht herrlich, einen Partner zu haben, mit dem man sein Leben teilt? Man steht nicht allein, sondern hat einen Menschen, mit dem man zusammen schläft, zusammen aufsteht, zusammen kocht, zusammen glücklich ist und an den man sich lehnen kann, wenn es einem schlecht geht. Das ist wirklich eine tolle Sache. Schließlich sehnen wir uns alle nach Geborgenheit und etwas Beständigem zum daran festhalten.

So weit, so gut. Aber was macht man denn, wenn die Sache irgendwie schief läuft, etliche Sanierungsversuche scheitern und die Beziehung mehr oder minder langsam den Bach runter geht? Das ist eine beschissene Situation, die sicherlich jeder aus eigener Erfahrung kennt. Ich habe mit solchen Situationen zweierlei Erfahrungen gemacht:

Entweder man negiert alle Anzeichen auf eine bevorstehende Katastrophe und tröstet sich mit dem Gedanken, dass es schon nicht so schlimm werden wird und ja nicht gleich das Schlimmste passieren muss. Diese Vorgehensweise hat den großen Vorteil, dass man sich einer (längst) fälligen Entscheidung entziehen kann. Es ist ja schließlich alles andere als angenehm und leicht, sich einem Entscheidungsprozess zu unterwerfen, an dessen Ende vielleicht als einzige Lösung die Beendigung einer langfristigen Beziehung übrig bleibt. Da ist es viel einfacher, die Sache auf sich beruhen zu lassen und mal zu sehen, wie es weitergeht. Außerdem kann man ja den restlichen Beziehungsteil dazu verwenden, um wieder auf Partnersuche zu gehen...

Die zweite Möglichkeit ist, sich der Problematik zu stellen, die eventuell beabsichtigte Partnersuche auf später zu verschieben und zu erledigen, was zu erledigen ist. Wenn man mit dem nötigen Nachdruck seine grauen Zellen bemüht, dauert es meist nur wenige Tage, bis man ein praktikables Ergebnis und den Zugang zu seinem Partner gefunden hat, um die weitere Vorgangsweise festzulegen. Nicht zwangsläufig muss ein kritisches Überdenken der Beziehung auch in einer Trennung enden.

Aber ich werde sicher breite Zustimmung ernten, wenn ich die Beziehung als äußerst heikles Gut bezeichne, welches - bedingt durch viele Parameter - auch irgendwann das Ende seiner Haltbarkeit erreicht. Und damit sind wir am springenden Punkt angelangt: Jede Partnerschaft verstößt gegen zwingende Bestimmungen der EU. Als verderbliches Gut müsste sie gut sichtbar verfallsdatiert sein. Das würde den Umgang mit ihr beträchtlich erleichtern und so manche Probleme bei der Abfallbeseitigung lösen.

Ich habe bis jetzt dreimal Beziehungen über ihr Verfallsdatum hinaus verwendet und habe mich beim ersten Mal für die Scarlett O’Hara Methode1 entschieden. Die Beziehung ist zwar mehrere Monate weitergelaufen - eine genaue Zeitangabe ist mir zum jetzigen Zeitpunkt auf Grund der gnädigen Wirkung der Verdrängung nicht mehr möglich - aber das Ende war schrecklich! Ich hatte nämlich nicht bedacht, dass es meinem Freund natürlich genauso wie mir gegangen ist. Auch der hat die Augen verschlossen und die erweiterte Scarlett O’Hara Methode angewandt. Der ist nämlich klugerweise gleich auf Partnersuche gegangen. Und dann kam es, wie es kommen musste: Anstatt selbst eine Entscheidung zu treffen, wurde über mich entschieden. Mein Partner war schon längst zu der Überzeugung gekommen, dass er die Beziehung mit mir beenden wollte, war aber genauso wie ich zu feige, das Unvermeidliche auszusprechen. Und dann stand sein neuer Freund auf der Matte. Da hatte er es plötzlich sehr eilig, mich abzuservieren. Obwohl die Beziehung eigentlich so schnell wie möglich hätte beendet werden müssen, hatte ich natürlich etwas dagegen, so einfach stehen gelassen zu werden und weigerte mich, zu gehen. Die Situation war alles andere als angenehm und endete in einem klassischen Rosenkrieg. Das passiert also, weil Beziehungen eben nicht verfallsdatiert sind und man gammelndes Fleisch im Kühlschrank außerdem am Gestank erkennen kann. Wenn unsere Partnerschaften zu kompostieren beginnen, sind wir nicht so empfindlich...

Damals habe ich die Erfahrung gemacht, dass man notwendige Entscheidungen nicht einfach auf unbestimmte Zeit verschieben kann. Die meisten Situationen, welche auf eine Regelung warten, entwickeln nämlich eine verhängnisvolle Eigendynamik, wenn man sich ihrer nicht annimmt. Das ist genau so, wie wenn man nicht wählen geht und sich dann über das Ergebnis der Wahl ärgert. Nach dem Abstimmungstag kann man nur mehr blöd meckern, aber die Möglichkeit, selbst Einfluss zu nehmen ist dahin. In einer Partnerschaft ist das genauso, nur dass da die eigene Stimme 50 Prozent des Wahlergebnisses ausmacht – bei guter Argumentation sogar weit mehr.

Um eine Erfahrung reicher habe ich es bei meinen beiden anderen Trennungen besser gemacht. Die sind ohne große Tragödien abgelaufen. Leicht war es natürlich nicht, aber eine Trennung auszusprechen, weil die Beziehung ihr natürliches Verfallsdatum erreicht hat, ist allemal leichter, als wenn man wartet, bis alles zusammenbricht und dem einen oder anderen Partner schon der neue Freund über den Weg gelaufen ist. Es ist zwar unangenehm, sich gegenseitig einzugestehen, dass es nicht mehr geht und die Gründe dafür in der Beziehung selbst liegen, aber ein fliegender Wechsel in eine neue Beziehung erschwert es dem verlassenen Partner, dies einzusehen. Dann ist nämlich immer der Neue an der Trennung schuld und man ist dazu verleitet, sich eine Beziehung zurück zu wünschen, welche eigentlich schon kaputt war. Das ist zwar genauso abwegig, wie wenn man versuchen würde, sich vom oben erwähnten faulenden Fleisch im Kühlschrank zu ernähren, wird aber immer wieder praktiziert.

Nach meinen geradlinigen Trennungen war ich außerdem in der Lage, mein wiedererlangtes Singledasein genießen zu können, anstatt mich um die Trümmer meines gebrochenen Herzens kümmern zu müssen. Und mit dem Singledasein ist es genauso wie mit einer Beziehung: Alles hat sein Ende. Das ist zwar einerseits ernüchternd, aber andererseits würde ich das einfach als Naturgesetz bezeichnen. Das gesamte Universum befindet sich in einem ständigen Wandel - warum sollten also ausgerechnet wir uns immer an der gleichen Stelle drehen? Vielleicht führt die EU doch bald eine Kennzeichnungspflicht für Beziehungen ein....


1 Im berühmten Südstaatenmelodram "Vom Winde verweht" von Margret Mitchell (verfilmt USA 1939 mit Vivien Leigh und Clark Gable in den Hauptrollen) drückt sich die Protagonistin Scarlett O’Hara um unangenehme Entscheidungen immer mit dem Satz "verschieben wir’s auf morgen" und gerät damit ziemlich in die Scheiße.


Text: Walter Rudich






Scarlett O'Hara