Der Kalender allein kann kein Glück erzeugen...

Psychodroge Weihnachten


Weihnachten steht vor der Tür – besser gesagt: Es versucht seit mehreren Wochen hartnäckig, sich gewaltsam Eintritt in unser Leben zu verschaffen. Auch ich bin dieser Bedrohung bereits erlegen. Einmal hungrig einkaufen gegangen und schon war es passiert: Anstatt was Ordentlichem zu essen trug ich Elisenlebkuchen, Baumkuchenschnitten, Prinzessmandeln und Orangenkekse heim. Was ist eigentlich mit dem schönen, verträumten Weihnachten unserer Kinderzeit passiert? Irgendwie ist es Stück für Stück verloren gegangen.

Schuld daran ist zum einen das Wetter. Wann hat es zu Weihnachten denn das letzte Mal geschneit? Das ist sicherlich 20 Jahre her. Und graue, neblige Weihnachten verbreiten im Gegensatz zu weißen Weihnachten halt Depressionen. Und dann die Geschenkorgie! Ich war heuer schon auf einer weihnachtlichen Shopping-Expedition. Gefunden habe ich nichts Passendes. Man wird halt weiter stöbern müssen.

Ach – waren das noch schöne Zeiten, als man sich als Kind vor den Christbaum begab und die Geschenke auswickeln konnte. Mir haben meine Eltern zwar nie das Märchen erzählt, dass ein überirdisches Wesen all die schönen Sachen bringt, aber einfach seine Wünsche bekannt zu geben und diese dann erfüllt zu bekommen, hatte schon was Überirdisches an sich!

Wie kann man sich denn die Freude am Fest der Liebe erhalten? Schwierige Frage… Nach etlichen Fehlversuchen habe ich mir so einige Programmpunkte zusammengestellt, die ganz gut wirken:

1. Gemeinsames Keksebacken. An einem Wochenende zu Beginn der Adventzeit trifft sich der ganze Freundeskreis und jeder nimmt seine Lieblingsrezepte mit. Dann werden einen Tag lang vorweihnachtliche Köstlichkeiten fabriziert. Und des Abends nimmt jeder ein buntes Sortiment an mindestens 10 verschiedenen Leckereien mit nach Hause.
2. Abschaffung des Schenken-Müssens. Wenn man ein passendes Geschenk hat, ist es gut – wenn nicht, auch.
3. Zumindest eine Kleinigkeit – egal ob Geschenk oder Dekoration – selber basteln. Das haben wir schon als Kinder gemacht. Selbst gefertigte Dinge heben das Selbstwertgefühl.
4. Sich die anderen Leute ansehen und sich an deren Leid erfreuen. Dazu sollte man sich ohne Einkaufswillen an einem Einkaufssamstag ins innenstädtische Gewühl stürzen und mit offenen Augen durch die Straßen gehen. Verkrampft und im rastlosen Laufschritt irren da unsere Mitbürger in marodierenden Horden umher und kaufen den letzten Schrott, nur um nicht mit leeren Händen unterm Christbaum zu stehen. Schwachköpfe!

Es gibt sicher noch viele Dinge, mit denen man sich auf die „glücklichste“ Zeit des Jahres einstimmen kann. Eines sollte man aber nie vergessen: Der Kalender allein kann kein Glück erzeugen. Nur durch Erreichen des Datums 24/12 entsteht kein Fest. Das muss man schon selber machen. Weihnachten hat nämlich eine seltsame Beschaffenheit. Es ist eine gefährliche Psychodroge. Es wirkt als aggressiver Gefühlsverstärker: Wer glücklich ist, schwebt auf Wolken, wer traurig ist, wird depressiv und wer alleine ist, wird durch Weihnachten zum einsamsten Menschen auf der ganzen Welt…!


Text: Walter Rudich






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