Testergebnis „ungenügend“:

Die Beziehung im Crashtest


Ich habe neulich einen Witz gehört. Der war einfach fantastisch. Mehrere Minuten konnte ich mich nicht fassen, so musste ich lachen. Einfach köstlich! Eigentlich hatte ich vor, diesen Witz hier der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Leider ist mir das nicht mehr möglich, weil ich ihn mittlerweile vergessen habe. So lustig Witze auch sind, sie haben leider einen gravierenden Nachteil: Bevor man sie bestimmungsgemäß verwenden kann, haben sie sich auch schon wieder verflüchtigt.

Das ist so ähnlich wie mit einer angebrauchten Tafel Schokolade. Man lässt zumindest die Hälfte über, um sie später zu essen. Wenn man dann wieder Lust auf Schokolade hat, ist natürlich nichts mehr davon da, weil ein anderes Familienmitglied oder auch das Haustier die angebrochene Packung gefunden und weggefressen hat. Auch Schokolade ist also so ein Ding, welches niemals hundertprozentig dem von uns gedachten Zweck zugeführt werden kann.

Außer Witzen und Schokolade fällt mir noch ein drittes Ding ein, welches sich hartnäckig weigert, den ihm von uns zugedachten Gang zu gehen. Und das ist die Liebe sowie ihre logische Konsequenz, die Partnerschaft. Die Stiftung Warentest hat fünfzehn verschiedene Partnerschaften auf Dauerhaftigkeit, Störanfälligkeit gegen Einflüsse von außen, Kommunikationsqualität zwischen den Partnern, Deformationsverhalten bei Unfällen, Kinderfreundlichkeit und Alltagstauglichkeit getestet. Kein einziges Produkt hat den Mindesterfordernissen entsprochen. Fünf der getesteten Beziehungen sind bereits nach dem zweiten Test zerbrochen. Endgültig gehalten haben nur vier, aber auch diese wurden von der Stiftung Warentest als "ungenügend" bewertet. Das Urteil der Tester war vernichtend. Normalerweise löst ein derartiges Testergebnis einen Sturm an Entrüstung aus und wird als Anlass genommen, das am Markt befindliche Produkt nachhaltig zu verbessern. Mehrere Male wurde die Stiftung auch schon von erbosten Firmen auf Unterlassung geklagt, weil sie nicht mit den Ergebnissen zufrieden waren. Im jetzigen Fall wurde auch eine Prozessflut ausgelöst – allerdings lautete das Begehren ausnahmslos auf Scheidung. Das erste Mal seit Bestehen der Stiftung Warentest war es ihren Mitarbeitern peinlich, was sie zu Tage gefördert hatten.

Das Schlimmste kommt aber noch: Trotz allgemeiner Betroffenheit war niemand wirklich überrascht vom niederschmetternden Ergebnis. Die einhellige Expertenmeinung kann sich mit einem "das haben wir uns ohnehin schon gedacht" umschreiben lassen. Nachhaltige Schritte, um Beziehungen praxistauglich und dauerhafter zu machen, hat niemand gesetzt. Mathematiker haben sich des Problems angenommen und versucht, eine Formel zu entwickeln, mit welcher man Liebe in eine beständige Partnerschaft transformieren kann. Als sie nach längerem intensiven Forschen wenigstens den Ansatz gefunden hatten, sind sie leider verhungert, weil ihre Ehefrauen längst für andere Männer kochten. Den Chemikern ist es nicht anders ergangen. Auch politische Bestrebungen, welche die Begriffe "Liebe" und "Dauerhaftigkeit" in die Verfassung aufnehmen wollten, haben kläglich versagt.

Da ist es also kein Wunder, dass wir Normalverbraucher kein Glück in unseren Beziehungen haben. Irgendwie ist das auch logisch: Für jeden Schwachsinn brauchen wir einen Führerschein, eine Berechtigung oder irgendein Befähigungszeugnis. Nur wie man eine Beziehung führt, das bringt uns niemand bei. Das können wir uns bestenfalls bei unseren Eltern abschauen - danke für alles!


Text: Walter Rudich







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