Coming Out? Weg damit!

Das etwas andere Outing


Wie finden wir Schwulen eigentlich zu unserer Sexualität? Nun - wenn man sich so in seinem Freundes- und Bekanntenkreis umhört, scheint die Sache ja nicht schwierig zu sein. Bei der Anbahnung von Sex sind wir ganz eindeutig einfacher gestrickt, als die meisten Heteros. Aber bis es so weit ist, so offen mit diesem Thema umgehen zu können, haben wir einen meist nicht so einfachen Emanzipationsprozess zu durchlaufen. Wenn man sich zum eigenen Geschlecht hingezogen fühlt, kann man eben nicht auf den eingefahrenen Gleisen dahinfahren und die Tradition fortsetzen, die man im Elternhaus und meist heterosexuell orientierten Freundeskreis vorgelebt bekommt.

Man muss sich darüber klarwerden, dass man halt anders ist - und dann muss man auch in Entsprechung dieser Einsicht handeln. Das hört sich jetzt einfach an, aber in der Praxis kann das ganz schön hart werden. Wenn man das aber geschafft hat und mit sich selbst im Reinen ist, steht einem herrlich schwulen Leben nichts mehr im Weg... Oder doch? Wir sind natürlich stolz auf den Weg, den wir anders als die anderen zurückgelegt haben, aber ist das nicht eine zusätzliche Last, die wir mit uns herumschleppen? Ist die Notwendigkeit, vor einem "artgerechten " Leben ein Coming Out durchmachen zu müssen, nicht eher eine Diskriminierung, als ein Privileg?

In fast allen europäischen Ländern bastelt die Politik an Lösungen, um jegliche Art der Diskriminierung - gegen wenn auch immer - abzuschaffen. Aber welches Gesetz wird uns in Zukunft das meiner Meinung nach ziemlich entbehrliche Coming Out ersparen? Entbehrlich? Ja! Weg damit! Warum sollte ich als Heranwachsender gegenüber meiner Umwelt irgendeinen Erklärungsbedarf haben, was mein Sexualleben betrifft? Heteros erhalten für ihren Eintritt in ihre sexuell aktive Phase Bewunderung von ihrer Umwelt gezollt. Warum müssen wir uns erst outen, um dann halt toleriert zu werden?

Recht anschaulich wird dieser Missstand, wenn man sich die Situation mit umgekehrten Vorzeichen vorstellt: der ältere Sohn sitzt mit seinem Ehemann am Tisch, plaudert mit seinem Vater über das im Bau befindliche Eigenheim, während sich der Schwiegersohn mit Papi nunmehr zwei über Rezepte unterhält. Das adoptierte Enkelkind spielt am Teppich und zerrt ab und zu unter Protest der übrigen Familienmitglieder am Tischtuch. Plötzlich stürmt die jüngere - sagen wir 18-jährige - Tochter herein. Nach jahrelangem Hadern über ihre sexuelle Orientierung hält sie den psychischen Druck nicht mehr aus und schockiert die Familie mit der Enthüllung, dass sie heterosexuell sei. Und einen Freund habe sie auch schon! Heulen und Zähneknirschen bricht über die ach so glückliche Familie herein "Wie kannst du uns das nur antun!" jammert Papi Nummer zwei händeringend, "was sollen unsere Nachbarn nur über uns denken?" "Dieser Perversling soll sich nicht wagen, auch nur einen Schritt über unsere Schwelle zu setzen!" poltert der andere Vater in grimmigem Ton. Dann folgt ein gut gemeinter Rat des glücklich verheirateten Bruders: "Das ist doch nur eine vorübergehende Phase - auch ich habe in deinem Alter kurzzeitig gedacht, ich sei hetero!" Und auch der Schwager hat seinen Senf dazu abzugeben: "Ich glaube auch, dass das alles kein Thema mehr ist, wenn du die richtige Frau triffst!" Nur das zweijährige Enkelkind streckt seine Arme aus und lässt sich von der Tante herzen, was alle anderen Anwesenden als etwas unangemessen empfinden...

Natürlich hat sich unsere Familie mit der Zeit damit abgefunden, dass die Tochter so aus der Art geschlagen ist, aber ganz verwunden hat sie Schock auch nach Jahren noch nicht. Vor allem ertappen sich die Väter dabei, kurz vor dem einschlafen darüber nachzugrübeln, was sie bei der Erziehung ihrer Tochter denn falsch gemacht haben...

Dieses kleine Beispiel soll keine Aufforderung dazu sein, Diskriminierung auf die andere Seite zu verlagern, aber es macht die Unsinnigkeit der verwendeten Argumente deutlich, die uns allen ja so vertraut sind. Werden wir als Gesellschaft jemals so weit sein, unsere Kinder so zu akzeptieren, wie sie sind? Ich für meinen Teil hätte kein Problem damit.

Text: Walter Rudich






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