von verdienstvollen Leichen...

Halleluja!


Die Pressemeldungen überstürzen sich und nicht nur der „Osservatore Romano“ ergeht sich in Jubelkundgebungen: Papst Johannes Paul II. soll selig gesprochen werden!

Man vermag nicht zu glauben, wie schnell sich im Herzen Roms die Dinge bewegen können. Die obligatorische Frist von 5 Jahren, die verdienstvolle Leichen auf den Beginn ihres Seligsprechungsverfahrens bisher warten mussten, scheint niemanden zu kümmern. Man scheint nicht einmal abwarten zu wollen, bis der Leichnam vollends ausgekühlt ist.

Aus gut informierten Kreisen in Rom erfuhr ich, dass ein positiver Abschluss des Verfahrens praktisch gewiss ist – denn neuerdings muss man nicht einmal mehr der lateinischen Sprache mächtig sein, um verstehen zu können, was da hinter vorgehaltener Hand gemunkelt wird: Das läuft jetzt alles auf deutsch.

Zu klären bleibt nur, ob „Papa Superstar“ Wunder vollbracht hat und/oder ein Märtyrer war. Das ist nämlich Voraussetzung für eine Seligsprechung (wir erinnern uns an die seltsame Krampfaderngeschichte von Karl I. von Habsburg). Auch hier kann ich das Ergebnis vorweg nehmen: Beides trifft zu: Märtyrer ist er schon deswegen, weil er auf seinen unzähligen Reisen mit der Alitalia fliegen musste. Auch die 1st Class dort würde ich nicht einmal meiner Katze zumuten! Warum hat er denn sonst immer den Boden geküsst, wenn nicht aus Dank dafür, der Gefahr entronnen zu sein?

Und die Zahl der von ihm bewirkten Wunder vermag Enzyklopädien zu füllen: Da wäre einmal der wundersame Zeitsprung, den die römisch katholische Amtskirche während seines Pontifikates erbrachte. In weniger als 30 Jahren nach dem II. Vatikanischen Konzil (1962-1965) war sie im tiefsten Mittelalter angekommen. Mit diesem umfassenden Hauptwunder heilten auch viel kleine Missstände unserer Gesellschaft: Die Emanzipation der Frauen war kein Thema mehr, der Zölibat durfte nicht mehr hinterfragt werden, Schwulerei wurde nach wie vor mit direkter Deportation der Seele in die Hölle geahndet und viel hätte nicht gefehlt, dann hätten die Jesuiten wieder ihre Fackeln entzündet und die Heilige Inquisition ihre Folterwerkzeuge aufpoliert.

Das größte Wunder von allen ist aber die Dauerhaftigkeit seines Wirkens: Alle diese Wunder wirken über den Tod hinaus: Durch vorausschauende Personalpolitik hat Johannes Paul II. sichergestellt, dass sich auch in Zukunft so schnell nichts ändern wird. Meiner Ansicht nach ist die Seligsprechung dafür eine ziemlich lumpige Anerkennung. Da sind zumindest auch mehrere Nobelpreise fällig: Medizin für die Abschaffung von AIDS in der dritten Welt, Literatur für seine unzähligen Reden, Physik für die Durchbrechung des Raum-Zeit-Kontinuums wie oben beschrieben und Frieden dafür, dass der Vatikan während seiner gesamten Amtszeit keinem einzigen Staat den Krieg erklärt hat. Man sieht also, dass der Anerkennungsorgie keine Grenzen gesetzt sind...

Text: Walter Rudich






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