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Imperiale Kinderkrankheiten:

Regenbogenball 2011

(Wien, 12.2.2011). In der Gerüchteküche waren im Vorfeld alle denkmöglichen Szenarien im Angebot gewesen: Von einer ausverkauften Hofburg bis hin zum völligen Debakel praktisch ohne Besucher. Die Faktenlage – die Erhöhung der Eintrittspreise auf wohlfeile 70 € im Vorverkauf – schien eher für letztere Variante zu sprechen. Die Wahrheit lag beim Regenbogenball 2011 dann irgendwo dazwischen, wobei schon angemerkt werden soll, dass in mindestens vier Sälen der Besucherandrang und die Stimmung den ganzen Abend über eher an vier Uhr früh – kurz bevor die letzten Wackeren den Ball verlassen – erinnerte. Gut besucht waren meist der Festsaal, natürlich die Smoker’s Lounge im Wintergarten, der Rittersaal – bespielt von Resis.danse und José Ritmo –, sowie die Solid Gold Lounge (Disco) im Parterre. Dabei hatten wir den Eindruck, dass durchaus viele bekannte Gesichter aus den vergangenen Jahren fehlten – nicht nur in unserem Bekanntenkreis konnten oder wollten sich einige den Eintritt nicht leisten – und der Anteil an „normalem“ Ballpublikum ohne Verankerung in der lesbischwulen Community höher war als sonst. Das ist durchaus legitim – zumal dadurch möglicherweise eine breitere Sensibilisierung für unsere Themen erreicht werden kann –, solange das Ziel, eine Veranstaltung für die Community auszurichten, gewahrt bleibt. Davon gehen wir aus und wünschen dem Regenbogenball in diesem Sinne auch weiterhin viel Erfolg.

Überdimensioniert wie die Räumlichkeiten war dann auch die heurige Eröffnung, die mit eineinviertel Stunden um etwa die Hälfte zu lang erschien. Gerade Lesben- und SchwulenaktivistInnen, die ihre Ziele immer im Spannungsfeld zwischen unkonventionellen (Lebens)entwürfen und dem Kopieren konservativer Haltungen aushandeln, sollten doch hinterfragen, ob ein nicht enden wollendes Defilee an Ehrengästen gefolgt von der klassischen Fächerpolonaise mit klassischer Choreographie die beste aller Ideen ist. Etwas auflockernd, aber wohl auch zu lang, die witzige Einlage von Les Schuh Schuh, heuer wenig überraschend mit dem Sisi-Franz-Thema. Wirklich begeistert haben uns die Gesangseinlagen von Sophie Marilley, die wir ganz gerne in einem der nächsten Jahre als eigenen Programmpunkt sähen. Die den Neuerungen erfreulicherweise nicht zum Opfer gefallene Lucy McEvil moderierte wieder mit viel Verve. Da die ÖVP als Prügelknabe diesmal nicht zur Verfügung stand (man hofierte Christine Marek), teilten sich diese Ehre diesmal die Extremisten rund um Strache und der alte Mann, der sein halbes Leben lang sinnfrei im Kreis fahrend zugebracht hatte und der sinnigerweise seit kurzem ein blaues Kapperl trägt. Über die Anwesenheit von Nationalratspräsidentin Barbara Prammer freuten wir uns ehrlich und auch Sozialminister Rudolf Hundstorfer soll lobend Erwähnung finden, entdeckten wir seine Gattin und ihn doch sogar noch weit nach Mitternacht bei der Publikumsquadrille.

Die Blumendeko scheint heuer unter dem Motto „Bachblüten“ gestanden zu sein: Im Vergleich zur bespielten Fläche war sie nur in homöopathischen Dosen vorhanden. Zudem fanden wir die paar Blümchen im „Tennisnetz“ und den Bogenhanf in Discokugeln auf Stelzen im ohnehin unhübschen Festsaal echt hässlich. Um gleich bei Ästhetik zu bleiben: Die allermeisten Gäste hielten sich sehr brav an den ausgegebenen Dresscode; wie dann doch ein grellroter Anzug oder Sneakers und Kleider die definitiv nicht knielang waren, ihren Weg auf die Tanzflächen fanden, ist uns insbesondere in Anbetracht der Tatsache, dass einige Krawattenlose durchaus Probleme beim Einlass hatten, ein Rätsel … von den ZigarettenverkäuferInnen, die irgendeinem Clubbing entlehnt schienen, ganz zu schweigen. Übrigens wäre es bei einem Hofburg-Ball dieser Preiskategorie durchaus angebracht, den BesucherInnen kleine Aufmerksamkeiten in Form von Damen- und Herrenspenden zukommen zu lassen!

Die größeren Tanzflächen im Festsaal und auch bei Desert Wind waren natürlich ein klares Plus, wohingegen den TänzerInnen im Rittersaal bei Resis.danse doch deutlich weniger Platz zur Verfügung stand als in den vergangenen Jahren. Das ist insbesondere nicht ganz verständlich, als man einige Tische von dort problemlos in die Trabantenstube verlegen hätte können, die bis auf einige ihr Glück beim Casino Versuchende praktisch ganz leer war. Musikalisch vermissten einige Tanzbegeisterte im Festsaal die Abwechslung, die bisher immer durch Kapelle und Band gegeben war. Auch wenn das Divertimento Viennese ganz vorzüglich musizierte wurden doch die mitunter längeren Pausen zwischen den Stücken bemängelt. José Ritmo fanden wir im Rittersaal viel zu laut, was zusätzlich gegen die vielen Sitzplätze in diesem Saal spricht. Übrigens fanden wir, dass vor allem im Marmorsaal (ganz nett: Illie & Bart) und im Zeremoniensaal (wie immer wunderbar: Desert Wind; dazwischen: Le Zbor) die Musik aus den umliegenden Räumen die Darbietungen der jeweiligen KünstlerInnen wirklich störte. Heuer wieder ein echter Höhepunkt war die Mitternachtseinlage mit Frau Katrina, geschiedene „and the Waves“, die man mit der tollen österreichischen Band „Wellenbrecher“ verkuppelt hatte. Die Song Contest-Veteranin sorgte mit ihren Hits für großartige Stimmung im Festsaal und nutzte die zur Tanzfläche hin offene Bühne sehr sympathisch gleich zu einem Ausflug ins Publikum inklusive Tänzchen.

Was das Personal und Service in der Hofburg betrifft, wollen wir großes Lob aussprechen: Sowohl an der Garderobe, als auch im Gastro-Bereich hatten wir nur mit ausgesprochen höflichen und bemühten Menschen zu tun. Darüber hinaus fanden wir es schön, dass eine vegetarische warme Mahlzeit angeboten wurde, die dann auch wirklich ohne Fleisch auskam (die gegenteilige Erfahrung mussten wir in den vergangen Jahren im Parkhotel machen). Auch die Smoker’s Lounge wurde sehr professionell betreut: frische Aschenbecher in großen Mengen und insgesamt ein sehr sauberer Raum bis spät in die Nacht. Wer das für selbstverständlich hält, der mache bei einem Ball im Grazer Congress eine Stunde nach Einlass einen Abstecher in der Raucherbereich … der Begriff „versifftes Loch“ wird für die- oder denjenigen eine ganz neue Dimension bekommen.

Zusammenfassend kann man sagen, dass man sich durch den Ortswechsel verständlicherweise viele Kinderkrankheiten, die nach 13 Jahren Ballerfahrung alle ausgemerzt waren, wieder eingefangen hat. Demgegenüber stehen aus unserer Sicht nicht genügend positive Aspekte, die Symbolik ist insbesondere kein besonders starkes Argument, wenn man bedenkt, dass beim WKR-Ball die Rechtsextremen Europas ebenfalls in der Hofburg tanzen; sehr exklusiv ist der Rahmen also nicht.

Ob die Besucherzahl, wie es zweifellos notwendig wäre, im nächsten Jahr gesteigert werden kann, wird sich am 2. Februar 2012 zeigen, wenn bedingt durch den Donnerstagstermin wohl ein Großteil der auswärtigen BesucherInnen wegfallen wird. gundl.at wird berichten … falls sich jemand findet, der zwei Urlaubstage dafür erübrigen kann.

Text: unter Mitarbeit von und




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Linktipp:

www.regenbogenball.at