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„Eine Schandtat, wie sie keiner in der Welt vor euch je begangen hat ...“

Schwule und der Islam

(1.5.2010). Homosexualität und Islam sind im ersten Augenblick zwei gegensätzliche Begrifflichkeiten, wobei es hier – wie so oft – auf die Interpretation ankommt.

Im religiösen, unabänderlichen Gesetz des Islam, der Schari’a, wird nach konservativer Auslegung die Bestrafung von Homosexualität gefordert. Als Hauptquelle für dieses Gesetz fungiert einerseits der Koran, andererseits auch die Sunna Mohammeds, welche den geregelten und normsetzenden Lebensvollzug des Propheten bezeichnen. Homosexualität als solche wird nie erwähnt – vielmehr findet sie durch die Beschreibung der Vorkommnisse in Sodom und Gomorrha Ausdruck. So steht beispielsweise in der siebten Sure des Koran geschrieben: „Und Lot [gottgefälliger Bewohner Sodoms, Anm.], da er zu seinem Volke sprach: ,Wollt ihr eine Schandtat begehen, wie sie keiner in der Welt vor euch je begangen hat? Ihr naht Männern in Begierde anstatt Frauen. Ja, ihr seid ein ausschweifendes Volk.‘“

Bis heute gilt in den Ländern Iran, Mauretanien, Jemen, Saudi-Arabien sowie im nördlichen Nigeria und Sudan, in denen allesamt die Schari’a vollzogen wird, Homosexualität als illegal und wird mit dem Tode bestraft. Auch in den Vereinigten Arabischen Emiraten, welche allerdings über ein duales, nämlich weltliches und islamisches Rechtssystem verfügen, müssen Schwule und Lesben mit der Todesstrafe rechnen.

Am 19. Juli 2005 wurden in der Stadt Maschhad im Nordosten des Iran zwei Jugendliche, Mahmoud Asgari und Ayaz Marhoni, öffentlich gehängt. Ihnen wurde die Vergewaltigung eines 13-jährigen Jungen vorgeworfen, wobei die Richtigkeit dieses Anklagepunktes noch nicht zweifelsfrei geklärt wurde. Viele vermuten, dass sie einzig aufgrund homosexueller Handlungen zum Tod verurteilt wurden, obwohl sie zum Tatzeitpunkt minderjährig waren und nach Völkerrecht nicht mit der Todesstrafe hätten belegt werden dürfen. Die Bilder der jungen Männer, mit bedecktem Kopf unter dem Galgen stehend, waren in diversen Medien zu sehen und gingen um die Welt. Als Reaktion auf die Erhängung der damals 16- und 18-jährigen stoppten die Niederlande und Schweden die Auslieferung von lesbischen und schwulen Asylwerbern in den Iran.

Homosexualität generell wird in der islamischen Welt meist als westliches Problem abgegolten. So behauptete Irans Präsident Mahmoud Ahmadinejad, als er 2007 in New York an der Columbia University einen Vortrag hielt, dass es gar keine Homosexuellen in seinem Land gäbe. Selbiges verlautbarte zum Beispiel auch Ojo Madueke, der Außenminister Nigerias, im Februar 2009 auf eine Anfrage der Vereinten Nationen, die Menschenrechte in seinem Land betreffend.

Viele Lesben und Schwule umgehen das Totalverbot von Homosexualität im Iran, indem sie ihr Geschlecht umwandeln lassen. Seit der iranischen Revolution 1979, angeführt von Ayatollah Khomeini, gilt „Geschlechtsidentitätsstörung“ als Krankheit und wird – bei Unterziehung einer umwandelnden Operation – sogar mit 5000 US-Dollar gefördert. Zusätzlich wird eine etwaige Hormontherapie angeboten. Im Iran leben nach Schätzungen zwischen 15.000 und 20.000 Transgenderpersonen, nach inoffiziellen Angaben sogar weit über 150.000. Somit weist die islamische Republik nach Thailand den zweithöchsten Anteil an Geschlechtsumwandlungen weltweit auf.

Im September 2009 wurde eine Gerichtsverhandlung publik, in der das Familiengericht in Teheran über die erste Hochzeit mit einer Transsexuellen zu entscheiden hatte. Eine Frau mit dem Namen Shaghayegh wollte eine ehemalige Schulfreundin ehelichen, welche sich zuvor einer geschlechtsanpassenden Operation unterzog, um ein Mann zu werden. Diesem jedoch verweigerte der Vater der Braut die Zustimmung, welche laut iranischem Gesetz zwingend ist, um eine Ehe eingehen zu können.
Schlussendlich stimmte der Vater mit der Bedingung zu, dass Ardashir – so der Name des zukünftigen Mannes seiner Tochter – sich einer medizinischen Untersuchung stelle, die beweise, dass es sich auch tatsächlich um eine Mann-Frau-Beziehung handle.

Für eine positive Haltung gegenüber Lesben und Schwulen tritt die Ende der 1990er Jahre in den USA gegründete gemeinnützige Organisation Al-Fatiha (“Die Öffnung“) auf, welche fortschrittliche islamische Anschauungen von Frieden, Gleichheit und Gerechtigkeit vertritt und sich an sämtliche LGBT Muslime wendet.

Personen mit gemäßigten Meinungen gegenüber Homosexualität sind in vom Islam geprägten Ländern eine verschwindend kleine Minderheit. Liberalere Sichtweisen und eine ebensolche Auslegung des Korans und die damit einhergehende zunehmende Akzeptanz scheinen noch in weiter Ferne. Und dennoch gibt es progressive Stimmen, wie jene von Hilal Sezgin, einer in Deutschland lebenden muslimischen Publizistin sowie regelmäßige Autorin des Islamischen Wortes beim Südwestrundfunk.

In ihrem Beitrag vom Januar 2010 zum Thema „Liebe und Gottgefälligkeit“ erklärt sie, dass sich die Gesellschaften wandelten und Menschen lieber zu zweit als alleine ihre Träume zu verwirklichen versuchen. Nach ihrer Ansicht kann Gott nichts dagegen haben, wenn sich zwei Menschen lieben und miteinander einen respektvollen und zärtlichen Umgang pflegen, schließlich sei genau das das Wichtigste. Bleibt zu hoffen, dass über kurz oder lang Hilal Sezgins Worte auch bei den Mullahs Gehör finden.

Text: Michael Auer (Vangardist)
Diesen Artikel und viele mehr findet ihr auch auf www.vangardist.com.




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