Diese Seite drucken

Ey, bist du schwul oder was?!

Kieferbruch und Gedächtnisverlust: Die Folgen einer Partynacht

(Köln, September 2010). Er war zur falschen Zeit am falschen Ort und ohne Chance. Ein Schlag, ein kurzer, heftiger Schmerz, dann schwanden ihm die Sinne … Wie sich „antischwule Gewalt“ anfühlt und welche Folgen sie für den Betroffenen haben, erzählt die Geschichte von Daniel aus Köln, (Name von der Redaktion geändert) einem Jugendlichen, der vor genau einem Jahr grundlos zusammengeschlagen wurde, als er sich auf dem Heimweg von einer schwulen Party befand. Zum Zeitpunkt des Angriffs war Daniel 20 Jahre jung, die endgültige Heilung der schweren Verletzungen wurde erst vor wenigen Monaten abgeschlossen.

Gedächtnislücken

Zuerst mal gleich vorweg: Ich kann mich – vielleicht zu meinem Glück – nicht mehr an alles erinnern, was damals am 27. September alles passiert ist. Es wurde mir jedoch im Nachhinein erzählt – und zwar von verschiedenen Seiten, sodass ich mir eigentlich sicher sein kann, dass sich die Attacke so zugetragen hat.

Die Party

Eigentlich war ich bloß mit Freunden in der Nähe von Köln feiern gewesen, wir waren eine ziemlich große Gruppe von sieben Leuten. Wie so oft hatten wir einen Riesenhunger, als wir aus dem Club kommen. Während fünf schon mal zum Auto vorgehen, bin ich also mit einem Freund zu einer nahe gelegenen Imbissbude, um noch einen Snack zu kaufen.

Die Bude ist von Menschen belagert, als wir drankommen, bestellen, zahlen und warten, bis unsere Hot Dogs fertig sind. Wir sprechen über Vorfälle im Club und lachen über eine peinliche Situation, in die einer der Freunde, die schon zum Auto vorgegangen sind, geraten ist.

Der Angriff

Während wir auf unser Essen warten, werde ich an der Schulter angetippt – ich drehe mich um und werde von meinem Gegenüber gefragt: „Ey, bist du schwul oder was?“ Eigentlich ist es keine Frage, sondern mehr eine Feststellung – und ohne eine Antwort abzuwarten, rammt er mir seine Faust ins Gesicht.
Dieser Schlag ist so kräftig und auch so unerwartet, dass er ungeschützt auf mein Kiefer trifft – das dabei gebrochen wird. Durch den höllischen Schmerz verliere ich das Bewusstsein und gehe zu Boden.

Zivilcourage

Was dann folgt, wird mir im Nachhinein erzählt – da ich schon bewusstlos war und nichts mehr mitbekommen habe. Ich habe Glück im Unglück, weil die Angreifer, nachdem ich K.O. gehe, von mir ablassen. Sofort greifen zwei Typen aus der Menschenmenge ein, um mich zu verteidigen – leider werden sie mindestens genauso schlimm zugerichtet wie ich: Ihnen werden einige Zähne ausgeschlagen und die Angreifer treten noch auf sie ein, als sie schon am Boden liegen.

Hilfe

Während die beiden mutigen Helfer von den insgesamt drei Schlägertypen am Boden getreten werden, kommen meine fünf Freunde, die schon zum Auto vorgegangen waren, zurückgeeilt und alarmieren sofort Polizei und Rettung. Mit Hilfe von anderen Umstehenden schaffen sie es, die Angreifer zu umzingeln. Die Polizei braucht jedoch leider so lang, dass es die Schläger schaffen, sich den Weg freizuboxen und noch vor Eintreffen des Streifenwagens fliehen.

Erwachen

Mit totaler Amnesie bin ich dann erst wieder im Krankenhaus zu mir gekommen. An alles, was nach dem Verlassen des Clubs geschehen war, konnte ich mich anfänglich gar nicht mehr erinnern – was gut sei, meinten die Ärzte. Das sei eine natürliche Schutzfunktion der Psyche.
Ich wurde daraufhin in ein anderes Spital überstellt, das auf Kieferchirurgie spezialisiert ist, denn meine Kieferfraktur muss sofort notoperiert werden

Kiefersperre

Nach der Operation hatte ich fünf Metallschrauben in meinem rechten Kiefer, außerdem mussten Ober- und Unterkiefer verdrahtet werden, damit ich den Mund nicht bewegen und die Schiene den Bruch auch wirklich stabilisieren konnte. Das bedeutete, ich konnte kaum sprechen und vor allem nicht essen – ich musste zwei Wochen von einer Trinklösung per Magensonde ernährt werden.

Die Heilung

Die Ärzte waren erstaunt, wie gut und vor allem wie rasch mein Kiefer verheilte – ich durfte nach zwei Wochen das Krankenhaus schon wieder verlassen, die Drahtverankerung in meinem Mund wurde durch Gummis ersetzt, die mir nun erlaubten, meinen Mund wieder zu öffnen. Zu jenem Zeitpunkt war die Muskulatur in meinem Mund jedoch schon so verkürzt, dass ich außer Suppen anfänglich nichts essen konnte. Wirklich komplett ausgeheilt ist mein Kiefer erst im März des heurigen Jahres – bis dahin hatte ich noch die Schiene im Mund.

Komplikationen

Bis März musste ich dann noch mit Entzündungen kämpfen – wegen der Schiene, die ja ein Fremdkörper in meinem Mund war – und alle zwei Tage zur Kontrolle ins Spital. Deshalb hab ich nicht nur ein Schuljahr fast komplett verpasst, ich konnte auch nicht zur Abschlussfahrt meiner Schulstufe mitkommen.

Für die Zukunft

Zum Glück habe ich keine psychischen Schäden davongetragen und auch keine Panikattacken oder sonstigen Einschränkungen erfahren – ich gehe weiterhin aus und „verstecke“ mein Schwulsein nicht mehr als vorher. Was sich geändert hat, ist meine Aufmerksamkeit: Ich achte mehr auf die Menschen um mich herum, bin sensibler geworden, was brenzlige Situationen betrifft und fahre meist direkt vom Club mit dem Taxi heim.
Auch den Ort des Geschehens meide ich seither. Obwohl der Veranstalter der Party, auf der ich war, bevor wir attackiert wurden, echt Anteil genommen hat, und mir auch extra einen riesengroßen Blumenstrauß im Krankenhaus vorbeigebracht hat. Das war wirklich eine schöne Geste.

Text aufgezeichnet von Damien Hunter (Vangardist)
Illustration von Sascha Vernik
Diesen Artikel und viele mehr findet ihr auch auf www.vangardist.com.




Kommentare

Einen Kommentar hinzufügen

This is a captcha-picture. It is used to prevent mass-access by robots. (see: www.captcha.net)
Code im Bild:
Name(*):
E-Mail:
Webseite:
Kommentar(*):
 




Diesen Artikel und viele mehr findet ihr auch auf

VANGARDIST