Lehárfestival Bad Ischl
Johann Strauß: Wiener Blut
Reines Operettenglück
Diese Gast-Kritik wurde uns freundlicherweise von Kai-Uwe Garrels zur Verfügung gestellt.
(Bad Ischl, 11.07.2009). In Bad Ischl, dem Herzen der Operette, pulsiert heuer das „Wiener Blut“. Mit der feierlichen Premiere am vergangenen Samstag hat das Lehár Festival Bad Ischl seine heurige Spielzeit begonnen. Am Beginn stand die Würdigung der früheren Intendantin Dr. Silvia Müller: Für ihre Verdienste erhielt sie das Kultur-Ehrenzeichen der Stadt Bad Ischl aus den Händen von Bürgermeister Hannes Heide. Nach launigen Worten von Landesrat Josef Ackerl eröffnete Landtagsabgeordneter und Vizebürgermeister von Ebensee Josef Steinkogler das Festival. Eine Vielzahl von Ehrengästen aus Politik, Wirtschaft und Kultur lauschte zunächst der Festrede von Journalist und Autor Dr. Wilhelm Sinkovicz zur „Chimäre Operette“ – kenntnisreich, vor allem aber humorvoll und brillant formuliert: „uns g’fallt’s“.
Intendant Dr. Michael Lakner war es auch heuer wieder gelungen, das Who is who der Kulturprominenz nach Bad Ischl zu locken. Im Publikum waren unter anderen Schauspiellegende und Wohltäter von „Menschen für Menschen“ Karlheinz Böhm (erhielt standing ovations), der Erfinder der Antibabypille Prof. Dr. Carl Djerassi sowie die Publikumslieblinge Konsulin Birgit Sarata, Melanie Holliday, Prof. Brigitte Hofmeister, Dolores Schmidinger, Helga Papouschek und Kammersänger Kurt Schreibmayr. Mit Generalmusikdirektor Prof. Franz Bauer-Theussl schauten auch Nachfahren zahlreicher Operettenkomponisten, was „die Konkurrenz“ zu bieten hat: Ralph Benatzkys Nichte Helga Benatzky war aus Hamburg angereist, Oscar-Straus-Enkelin Inge Prebil-Straus kam aus Wien, ebenso wie der Urenkel von Eduard Strauß, Senatspräsident des Oberlandesgerichts Wien Dr. Eduard Strauss und Universitätsprofessor DDr. Paul Wagner, der Enkel des Operettenkomponisten Edmund Eysler.
Regisseur Wolfgang Dosch entwickelt die Verwechslungsgeschichte um die amourösen Abenteuer des Grafen Balduin Zedlau aus Reuß-Schleuß-Greiz temporeich, mit bewundernswerter Musikalität und exakt platzierten Pointen. Ensemble und Chor sind permanent in perfekter Bewegung (Choreographie: Mandy Garbrecht), die Dosch noch im Theatersitz mitlebt. Dabei könnte er sich spätestens jetzt entspannt zurücklehnen: Sein Ziel der „Unterhaltung mit Haltung“ hat er mit dieser ebenso publikumswirksamen wie niveauvollen Umsetzung erreicht. Architektonische Unterstützung bietet das mehrstöckige imperiale Bühnenbild des Wiener Opernballs von Bernhard Niechotz mit genügend Türen für die vielen Auf- und Abgänge, die die Verwechslungen erst ermöglichen.
Christa Ratzenböck trägt den Abend als Gräfin Gabriele, die an ihrem preußisch-trockenen Gatten das „Wiener Blut“ schmerzlich vermisst. Sie kombiniert eine angenehme, umfangreiche Stimme mit einer eindrucksvollen Bühnenpräsenz und Spielfreude, die sie zur Idealbesetzung macht. Eugene Amesmann singt ihren Mann Graf Balduin, der sich – nicht nur zu Fortbildungszwecken – bereits um seine zweite Geliebte bemüht. Sein edler Tenor fügt sich ideal in die Ensembleszenen ein, besitzt aber gleichzeitig die Strahl- und Ausdruckskraft für die Solos. Balduins Erst-Gspusi, die Tänzerin Franziska Cagliari, wird von der aparten Petra Halper-König gesungen, die Sinnlichkeit (gegenüber dem Grafen) und eifersüchtige Dramatik ihrer Stimme intelligent dort einsetzt, wo sie jeweils erforderlich sind.
Kammersänger Ernst-Dieter Suttheimer als Fürst Ypsheim-Gindelbach treibt in seiner großartig komischen Verwirrung die Handlung voran und das Publikum in den Lachkrampf: Der Ministerpräsident des Kleinstaats Reuß-Schleuß-Greiz versteht weder, was in Kopf, Herz und Haus seines Ministers Graf Balduin vor sich geht, noch überhaupt das „Deitsch“ der Wiener. Man darf kaum erwarten, dass ein Darsteller dieses Kalibers auch noch singen kann – und wird um so angenehmer enttäuscht. Seinen Widerpart, den Karussellbesitzer Kagler und Vater der Demoiselle Cagliari, gibt Franz Suhrada ganz in der Tradition der großen Volksschauspieler. Er brilliert mit temporeicher und gemütvoller Komik vor allem in den Szenen mit Ypsheim-Gindelbach und zeigt das große Wiener Herz des kleinen Mannes nicht zuletzt im Couplet „Geht’s und verkauft’s mei G’wand“.
Die Spritzigkeit der Inszenierung zieht sich glücklicherweise bis in die Bufforollen: Theresa Grabners Probiermamsell Pepi Pleininger ist so fesch und rasant, wie Graf Balduins neue Affaire sein muss. Sie fasziniert – neben ihrem ihrem großen, intelligent geführten Sopran – vor allem mit ihrem Körpereinsatz im Komtessen-Tanz: Es ist gar nicht so leicht, dermaßen konsequent aus der Reihe zu tanzen! Auch beim Josef sollte man alles vergessen, was an Vorurteilen über Kammerdiener-Rollen kursiert. Stimmlich mit viel Reserve ausgestattet, blitzgescheit in Dialog und Choreographie gibt der junge Tenor Robert Maszl sein Ischler Debüt. Ein besonderes Glanzlicht setzt Karl Herbst als fluchender Fiaker mit schier unerschöpflichem Atem und Schimpf-Wortschatz.
Das bekannt glückliche Händchen des Intendanten Dr. Michael Lakner für erfahrene Stimmen und junge Talente legt das Fundament für diese qualitativ hochwertige Aufführung. Darauf baut das Franz Lehár-Orchester unter Marius Burkert mit musikalischer Finesse und Gefühl für die Walzerseligkeit auf, gekrönt vom stimmgewaltigen, spielfreudigen und ballettgeeigneten Chor unter Leitung von Martin August Fuchsberger. Johann Strauß, der den Erfolg seines „Wiener Bluts“ weder erlebt noch verschuldet hat (es wurde von Adolf Müller jun. als Best-of aus den Werken des Walzerkönigs kompiliert) hätte an der Premiere des Lehár Festivals Bad Ischl seine helle Freude gehabt. Das Publikum am Samstag hatte sie – langanhaltender Applaus und „Bravo“-Rufe zeugten davon.
Weitere 14 Aufführungen bis 30. August,
Premiere „Das Land des Lächelns“ am kommenden Samstag, 18. Juli.
Text: Kai-Uwe Garrels





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